Koran als Quelle

Das Bildnis von Lebewesen und die Bildhauerei

Es herrscht eine generelle Meinung unter den islamischen Gelehrten, dass das Bildnis von Lebewesen und die Bildhauerei verboten sind. Wie sind die Aussagen des Propheten Mohammed und die Koranverse, die das Meißeln von Statuen loben in
diesem Zusammenhang zu verstehen?

Das Bildnis von Lebewesen und die Bildhauerei [1]

Dr. Jamal Najim

Im folgenden Bericht wird auf die Frage nach dem islamischen Urteil über das Bildnis von Lebewesen und über das Meißeln von Skulpturen und die Benutzung von plastischen Modellen eingegangen.

Der Koran hat nichts davon gesagt, dass das Darstellen von Lebewesen, deren fotografische Abbildungen oder das Meißeln von Statuen verboten seien. Im Gegenteil: Der Koran hat es gestattet. Diesbezüglich sagt Gott in Vers 110 des Kapitels Al-Maida (5) zu Jesus, dem Sohn der Maria:

وَإِذْ تَخْلُقُ مِنَ الطِّينِ كَهَيْئَةِ الطَّيْرِ بِإِذْنِي فَتَنْفُخُ فِيها فَتَكُونُ طَيْرًا بِإِذْنِي (110)

,,…dass du aus Lehm Vogelfiguren mit Meiner Erlaubnis schufst und ihnen Leben einhauchtest; so wurden sie Vögel mit Meiner Erlaubnis.”[2]

Das heißt, dass Jesus Vogelfiguren aus Lehm machte, was also bedeutet: Skulpturen machen! Erst nach seinem Einhauchen verwandelten sich diese Lehmfiguren zu wirklichen lebendigen Vögeln, als deutliches Zeichen und Beweis dafür, dass er tatsächlich ein Gesandter (Rasul) und Prophet Gottes war.

Manche könnten behaupten, dass dieser Vers kein Beweis für die Erlaubnis der Bildhauerei sei. Es handele sich nur um ein Wunderzeichen eines Propheten. Wir sollten bei unseren Taten nicht einem Prophetenwunder folgen.

Diesen können wir entgegnen, dass ein Prophet ja niemals etwas Verbotenes tun darf, was dann später sogar als Zeichen seines Prophetentums betrachtet werden könnte. Folgender Vers verdeutlicht dies (Kapitel 34 [Saba], Vers 13):

يَعْمَلُونَ لَهُ مَا يَشَاءُ مِنْ مَحَارِيبَ وَتَمَاثِيلَ وَجِفَانٍ كَالْجَوَابِ وَقُدُورٍ رَاسِيَاتٍ اعْمَلُوا آلَ دَاوُودَ شُكْرًا وَقَلِيلٌ مِنْ عِبَادِيَ الشَّكُورُ (13).

,,Sie fertigten für ihn, was er wollte, Kultstätten, Standbilder, Schüsseln, so groß wie Becken und feststehende gewaltige Kessel: ,Wirket, ihr, vom Hause Davids, in Dankbarkeit.’ Und nur wenige von Meinen Dienern sind dankbar.”[3]

Der Vers besagt, dass Salomon (Süleyman), ein Prophet Gottes, Statuen und Skulpturen machen ließ. Ein Prophet würde selbstverständlich niemals etwas Verbotenes anordnen. Propheten könnten nie etwas Unerlaubtes tun, ohne dass sie dafür von Gott zurechtgewiesen würden. Im Gegenteil: Das Wirken der Künstler Salomons wurde deshalb im Koran erwähnt, um zu zeigen, dass es eine besondere Gabe Gottes war.

Die Überlieferungen, die die Statuen und Skulpturen verdammen, führten deswegen zu Missverständnissen, weil man sie leider nicht mit den entsprechenden Versen in Zusammenhang brachte. Zudem fragte man sich nicht, zu welchem Zweck diese Statuen eigentlich hergestellt wurden. Daher kam man nicht zur richtigen Deutung.

Nun stellt sich uns die Frage, wie wir die Überlieferungen, die die Herstellung von Skulpturen verdammen, zu verstehen haben?

Wenn wir die betreffenden Überlieferungen genauer anschauen, finden wir den Grund bereits klar geäußert, nämlich, dass man diese Skulpturen und menschenähnlichen Statuen Gott beigesellte oder sie Gott gleichstellte.

Jemanden außer Gott anzubeten, ist Ungläubigkeit, gleichgültig wem man dient, ob es sich dabei um einen wahren Menschen, oder eine gemeißelte, menschenähnliche und -unähnliche Skulptur, oder ein Naturphänomen wie Sonne oder Mond handelt.

Dass etwas oder jemand außer Gott angebetet wird, ist kein Hindernis für einen Muslim, das betreffende Objekt darzustellen. So beten zum Beispiel die Christen Jesus und seine Mutter an, wir Muslime verehren sie aber trotzdem und beten für die beiden. Es gab auch Völker, die die Sonne und den Mond anbeteten, dennoch bleiben beide für immer Gottes Wunderzeichen.

Wenn es Leute geben würde, die zum Beispiel das Auto anbeten würden, machte dies dessen Herstellung und Nutzung nicht strafbar.

Die Idee der Gleichstellung mit Gott und einer Schöpfung außer von Gott lehnt der Islam grundsätzlich ab. Die folgenden Verse zeigen, dass es nicht möglich ist, etwas Ähnliches, wie es Gott erschafft, zu machen:

أَمْ جَعَلُوا لِلَّهِ شُرَكَاءَ خَلَقُوا كَخَلْقِهِ فَتَشَابَهَ الْخَلْقُ عَلَيْهِمْ قُلِ اللَّهُ خَالِقُ كُلِّ شَيْءٍ وَهُوَ الْوَاحِدُ الْقَهَّارُ (16).

,,Oder stellen sie Allah Teilhaber zur Seite, die eine Schöpfung wie die Seine erschaffen haben, so dass (beide) Schöpfungen ihnen gleichartig erscheinen (Kapitel 13, Ar-Rad, Vers 16)?”[4]

Der Vers besagt, dass es keinen logischen Grund dafür gibt, dass die Menschen Gott nicht dienen, weil Er einzig und alleine die Eigenschaften eines Schöpfers besitzt, dessen Schöpfung überhaupt nicht mit der Schöpfung anderer verwechselt werden kann. Im gleichen Vers wird auf die Unfähigkeit des Menschen hingewiesen, eine gleiche Schöpfung wie Er es erschafft, zu erschaffen, sodass es ja auch keine Verwechslung geben kann.

In Vers 36 des Kapitels 52 (At-Tur) heißt es:

أَمْ خُلِقُوا مِنْ غَيْرِ شَيْءٍ أَمْ هُمُ الْخَالِقُونَ (35) أَمْ خَلَقُوا السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضَ بَلْ لَا يُوقِنُونَ (36).

,,Oder sind sie ohne Schöpfer erschaffen worden? Oder sind sie etwa selbst die Schöpfer?

,Oder haben sie die Himmel und die Erde erschaffen? Nein, sie erkennen die Wahrheit nicht an.”[5]

Hier wird bekräftigt, dass der Mensch ja nichts anderes ist als ein Geschöpf.

Außerdem kann niemand etwas schaffen, das der Schöpfung Gottes ähneln könnte. Auch wenn sich die gesamte Menschheit zusammentun würde, könnte sie nicht mal eine Fliege erschaffen.

In den Versen 73 – 74 des Kapitels 22 (Al-Hadsch) steht:

يَا أَيُّهَا النَّاسُ ضُرِبَ مَثَلٌ فَاسْتَمِعُوا لَهُ إِنَّ الَّذِينَ تَدْعُونَ مِنْ دُونِ اللَّهِ لَنْ يَخْلُقُوا ذُبَابًا وَلَوِ اجْتَمَعُوا لَهُ وَإِنْ يَسْلُبْهُمُ الذُّبَابُ شَيْئًا لَا يَسْتَنْقِذُوهُ مِنْهُ ضَعُفَ الطَّالِبُ وَالْمَطْلُوبُ (73) مَا قَدَرُوا اللَّهَ حَقَّ قَدْرِهِ إِنَّ اللَّهَ لَقَوِيٌّ عَزِيزٌ (74)

,,O ihr Menschen! Ein Gleichnis ist angeführt worden, so höret zu: Diejenigen, die ihr anstatt Gott anbetet, können keine Fliege erschaffen, auch wenn sie sich dazu zusammentun würden. Wenn die Fliegen ihnen etwas wegnehmen wollten, könnten sie es nicht vor ihnen retten, so schwach ist der Verlangende und das, was verlangt wird.

Sie haben Gott nicht, wie es Ihm gebührt, hoch geschätzt. Gott ist stark und mächtig.”[6]

Hier wird nochmal betont, dass es im Islam absolut verboten ist, irgendein anderes Geschöpf Gott gleichzusetzen:

مَا قَدَرُوا اللَّهَ حَقَّ قَدْرِهِ

,,Sie haben Gott nicht, wie es Ihm gebührt, hoch geschätzt.”

Es ist ja auch überhaupt nicht machbar.

Aus all dem, was bis jetzt dargelegt wurde, kommen wir zu der Erkenntnis, dass man die Überlieferungen nur in Übereinstimmung mit dem Koran verstehen und erklären darf. Es ist also wohl grundsätzlich falsch, die Überlieferungen ohne den Zusammenhang mit dem Koran zu verstehen oder zu interpretieren.

So sagte z. B. Mohammed einmal zu seiner Frau Aischa, dass diejenigen, die am strengsten am Tage der Auferstehung bestraft werden, diejenigen sind, die Statuen bilden. Dieses Hadith kann nur in Verbindung mit der Ergänzung verstanden werden, dass die gemeinte Bildhauergruppe ihre Statuen deswegen hergestellt hatte, damit man sie anbetet.

Das gleiche findet man in Kapitel  21 (Al-Anbiya), Verse 51 – 54:

وَلَقَدْ آتَيْنَا إِبْرَاهِيمَ رُشْدَهُ مِنْ قَبْلُ وَكُنَّا بِهِ عَالِمِينَ (51) إِذْ قَالَ لِأَبِيهِ وَقَوْمِهِ مَا هَذِهِ التَّمَاثِيلُ الَّتِي أَنْتُمْ لَهَا عَاكِفُونَ (52) قَالُوا وَجَدْنَا آبَاءَنَا لَهَا عَابِدِينَ (53) قَالَ لَقَدْ كُنْتُمْ أَنْتُمْ وَآبَاؤُكُمْ فِي ضَلَالٍ مُبِينٍ (54).

,,Und (schon) früher haben wir doch dem Abraham seine richtige Einsicht gegeben. Wir wussten über ihn Bescheid. (Damals) als er zu seinem Vater und seinen Leuten sagte: ,Was sind das für Standbilder (tamaathiel), denen ihr euch (in eurem Kult) hingebt?’ Sie sagten: ,Wir haben (schon) unsere Väter dabei vorgefunden, dass sie ihnen dienten.’ Er sagte: ,Dann befindet ihr euch mitsamt euren Vätern offensichtlich im Irrtum.’”[7]

Hier, in den oben aufgeführten Versen, wirft Abraham seinen Leuten den Götzendienst vor und lehnt ihn vollkommen ab.

Genauso lehnte Moses das Herstellen der Kalbstatue durch den ,,Sameri” komplett ab, der ja angab, sie sei sein Gott und Gott von den ,,Israeliten”. Moses lehnte hier nicht die Herstellung von der Statue selbst ab, aber dass man sie als Gott betrachtete. Das leitete die Leute sicherlich irre.

Wir halten fest, dass der Koran die Herstellung von Statuen oder das Meißeln von Skulpturen jeglicher Art nicht verboten hat, wohl aber sie anzubeten oder ihnen gar zu dienen. Das ist wahrlich strengstens untersagt.

Salomon hat seinen Dienern geradezu befohlen, Skulpturen und Statuen zu bauen. Während Abraham und Moses dies ablehnten. Darin sieht man klar, dass das Verbot nur gegen den Sinn und Zweck der Herstellung gerichtet ist.

Kein vernünftiger Mensch zweifelt am Verbot des Götzendienstes. Er darf auf der anderen Seite die Herstellung von Statuen für erlaubte Zwecke nicht verbieten, wie dies Salomon machte.

Mohammed zerstörte alle Götzen in und um Mekka herum, weil sie ja nur zum Zwecke der Anbetung erbaut worden waren. Dabei trug er mit lauter Stimme Vers 81 des Kapitels 17 (Al-Isra) vor:

وَقُلْ جَاءَ الْحَقُّ وَزَهَقَ الْبَاطِلُ إِنَّ الْبَاطِلَ كَانَ زَهُوقًا (81)

,,Und sag: Die Wahrheit ist (mit dem Islam) gekommen, und Lug und Trug (des Unglaubens) sind verschwunden. Lug und Trug schwinden (immer) dahin.”[8]

Alle Götzen in und um Mekka herum waren das Symbol für den Dienst und die Vergötterung anderer außer Gott. Mohammed wollte Mekka ja vom Schirk (Götzendienst) reinigen, wie dies sein Vorfahre Abraham vor ihm getan hatte, um zu zeigen, dass diese leblosen Gestalten und Figuren nicht zu vergöttern sind. Gott alleine gebührt  die Verherrlichung und Anbetung.

Das Gleiche kann man über die Malerei per Hand oder Computer sagen.

Alles ist gestattet, solange es nicht für einen verbotenen Zweck gemacht wird.

 

Süleymaniye Stiftung

Zentrum für Religionsforschung Istanbul

03.02.2017

Übersetzt von

Prof. Dr. A. Gehani

Sprachliche Aufsicht:

Hatice Göktaş

03.02.2017

[1] Alle Übersetzungen des Korans sind folgendem Link entnommen:

http://www.ewige-religion.info/koran/

[2] Azhar

[3] Azhar

[4] M. A. Rassoul

[5] Azhar

[6] Azhar

[7] Rudi Paret

[8] Rudi Paret

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