Viele Abschnitte (Suren[1]) des Korans beginnen mit den Worten: “Dies sind die Verse (Ayat[2]) des deutlichen Buches.”[3] Ein Koranvers besagt:
وَنَزَّلْنَا عَلَيْكَ الْكِتَابَ تِبْيَانًا لِّكُلِّ شَيْءٍ وَهُدًى وَرَحْمَةً وَبُشْرَى لِلْمُسْلِمِينَ
“Wir haben dir dieses Buch herabgesandt, damit es alles darlegt, damit es den richtigen Weg zeigt, damit es für diejenigen, die sich an ihm festhalten, eine Gabe und eine frohe Botschaft ist.” (an-Nahl 16/89)
Die Deutlichkeit des Korans ist wie die Gaben Allahs für die Versorgung der Menschen. Allah der Erhabene sagt:
اللَّهُ الَّذِي خَلَقَكُمْ ثُمَّ رَزَقَكُمْ ثُمَّ يُمِيتُكُمْ ثُمَّ يُحْيِيكُمْ.
“Allah ist es, Der euch erschaffen hat; dann gab Er euch eure Versorgung. Dann wird Er euch das Leben nehmen und euch wieder lebendig machen.” (ar-Rum 30/40)
Unter der Versorgung sind Nahrungsmittel, Getränke, Behausung, Nachkommen, Regen und Wissen zu verstehen. Manches unserer Bedürfnisse finden wir fertig vor. Teilweise erfordert es allerdings Mühen, um an die Versorgung heranzukommen. Für ein Stück Brot auf dem Tisch werden sehr viele Anstrengungen und Gruppenarbeiten verrichtet. Allah hat die Saat, das Wasser, die Sonne, die Erde, kurz gesagt alles für die Versorgung Erforderliche erschaffen. Es obliegt aber dem Menschen, diese Elemente zusammenzufügen und an die Versorgung zu gelangen. Allah der Erhabene sagt:
إِنَّ رَبَّكَ يَبْسُطُ الرِّزْقَ لِمَنْ يَشَاءُ وَيَقْدِرُ إِنَّهُ كَانَ بِعِبَادِهِ خَبِيرًا بَصِيرًا.
“Dein Herr verbreitet die Versorgung für denjenigen, der tüchtig ist und dessen Fähigkeit ausreichend ist.[4] Er kennt die innersten seiner Diener und sieht sie.” (al-Isrâ 17/30)
Vom Koran zu profitieren ist wie das Bestreben zur Erlangung einer Versorgung. Eine Vielzahl der Koranverse bedarf keiner Darlegung. Allerdings erfordert es Mühen, um an die Deutung mancher Koranverse zu gelangen. Allah hat es Selbst übernommen, den Koran auszulegen. Auch hat Er gezeigt, wie an diese Auslegungen zu gelangen ist. Allah der Erhabene sagt:
لَا تُحَرِّكْ بِهِ لِسَانَكَ لِتَعْجَلَ بِهِ. إِنَّ عَلَيْنَا جَمْعَهُ وَقُرْآَنَهُ. فَإِذَا قَرَأْنَاهُ فَاتَّبِعْ قُرْآَنَهُ. ثُمَّ إِنَّ عَلَيْنَا بَيَانَهُ.
“(O Muhammad!) Bringe deine Zunge nicht hastig in Bewegung, während Gabriel dir den Koran verkündet. Ihn zusammenzustellen und vortragen zu lassen ist Unsere Angelegenheit. Wenn Wir ihn vortragen, folge seiner Lesart. Dann ist auch seine Deutung Unsere Angelegenheit.” (al-Qiyama 75/16-19)
In unserer Tradition wird der Koran für ein Religionsbuch gehalten, das nur Gebote im Rahmen des Glaubens, der Gottesdienste und der Moral festsetzt. Dabei gibt es nicht mehr als tausend solcher Koranverse. Jede einzelne dieser Koranverse beinhaltet gleichzeitig Gebote bezüglich anderer Themen. Da der Koran verkündet, alles darzulegen, wäre es falsch, ihm Grenzen zu ziehen.
Man muss zunächst die Beziehungen zwischen den Koranversen kennen, um an die Deutungen des Korans zu gelangen. Diese Beziehungen sind wie die Beziehungen zwischen den Zahlen. Von der 0 bis zur 9 gibt es insgesamt 10 Zahlen. Alle Rechnungen werden mit diesen Zahlen vollzogen. Je umfassender der Mensch die Beziehungen zwischen den Zahlen kennt, um so mehr Rechnungen kann er durchführen. Manche kennen diese Beziehungen insofern, dass sie damit ihre alltäglichen Buchhaltungen erledigen können. Andere wiederum kennen sie so gut, dass sie Computer programmieren, Weltraumtechnologien erarbeiten und noch weitaus mehr berechnen können. Jeder Mensch profitiert von diesen Zahlen in dem Maße, das sein eigener Wissensstand ermöglicht. Genauso verhält es sich mit dem Nutzen vom Koran. Manche rezitieren den Koran lediglich, ohne seine Bedeutung zu verstehen, und nehmen gewisse Erwartungshaltungen ein. Der Koran bezeichnet diese als des Lesens und Schreibens unkundige Menschen. Andere wiederum haben die Ausrüstung, um an die Deutungen des Korans gelangen zu können. Sie besitzen sicheres Wissen.[5] Wiederum andere befinden sich irgendwo zwischen den beiden genannten Gruppen.
So hat beispielsweise zu Lebzeiten des Propheten Süleyman (Salamon, Friede sei mit ihm) ein Buchkundiger den Thron von Belkıs in einer Zeitdauer von nur einem Augenblick von Jemen nach Jerusalem gebracht.
Süleyman kannte die Vogelsprache. Er hatte ein großes Königreich, in dem er über Heere von Vögeln, Dschinnen[6] und Menschen herrschte. Belkıs, die Königin von Saba, hatte eingesehen, dass man sich ihm nicht widersetzen konnte, und hatte sich auf den Weg nach Jerusalem begeben, um sich Süleyman zu ergeben. Sie besaß einen großen, prunkvollen Thron. Als Süleyman diese Nachricht erhielt, versammelte er seine führenden Männer um sich und sagte zu ihnen:
قَالَ يَا أَيُّهَا الْمَلَأُ أَيُّكُمْ يَأْتِينِي بِعَرْشِهَا قَبْلَ أَنْ يَأْتُونِي مُسْلِمِينَ. قَالَ عِفْريتٌ مِنَ الْجِنِّ أَنَا آَتِيكَ بِهِ قَبْلَ أَنْ تَقُومَ مِنْ مَقَامِكَ وَإِنِّي عَلَيْهِ لَقَوِيٌّ أَمِينٌ. قَالَ الَّذِي عِنْدَهُ عِلْمٌ مِنَ الْكِتَابِ أَنَا آَتِيكَ بِهِ قَبْلَ أَنْ يَرْتَدَّ إِلَيْكَ طَرْفُكَ فَلَمَّا رَآَهُ مُسْتَقِرًّا عِنْدَهُ قَالَ هَذَا مِنْ فَضْلِ رَبِّي لِيَبْلُوَنِي أَأَشْكُرُ أَمْ أَكْفُرُ وَمَنْ شَكَرَ فَإِنَّمَا يَشْكُرُ لِنَفْسِهِ وَمَنْ كَفَرَ فَإِنَّ رَبِّي غَنِيٌّ كَرِيمٌ.
“O Führende! Wer von euch kann mir den Thron der Königin bringen, noch bevor sie ankommen und sich ergeben? Ein Tüchtiger von den Dschinnen sagte: ‘Ich bringe ihn dir, bevor du dich von deinem Platz erhebst. Du kannst mir vertrauen, gewiss reicht meine Macht dafür aus.’ Und derjenige, der Wissen aus jenem Buch besaß, sagte: ‘Ich bringe ihn dir, bevor du deine Augen auf und zu machst’, und er brachte ihn. Als Süleyman den Thron neben sich aufgestellt sah, sagte er: ‘Dies ist eine Gabe meines Herrn, um mich zu prüfen, ob ich mich dankbar oder undankbar erweisen werde. Wer sich dankbar erweist, wird den Nutzen davon erfahren. Wer sich undankbar erweist, soll es tun. Mein Herr ist unbedürftig und großzügig.’” (an-Naml 27/38-40)
Das Buch, aus dem derjenige, der den Thron in einem Augenblick herbeibringt, Wissen schöpft, ist die Thora. Salamon gehörte zu den Propheten Israels. Das Buch, von dem in seiner Anwesenheit als “jenes Buch = el-Kitab” gesprochen wird, kann nichts anderes sein.
Es ist wichtig, dass hier nicht der Ausdruck “derjenige, der das Buch kannte” verwendet wird, sondern “derjenige, der Wissen aus jenem Buch besaß”. Das bedeutet, dass diese Person nicht das gesamte Buch zu kennen brauchte; es reichte aus, dass er die Verse bezüglich seines Fachgebietes kannte. Es geht hier um das Wissen zur Herbeiführung von ferngelegenen Dingen. Heutzutage werden zwar Forschungen bezüglich der Bestrahlung von Gegenständen betrieben, aber man kann sich nicht einmal vorstellen, eine ferngelegene Sache herbeizuholen.
Diejenigen, die den Koran lediglich für ein Religionsbuch halten, können die oben angegebenen Koranverse nicht verstehen. Aus diesem Grunde haben sich die Koranexegeten diesbezüglich schwer getan. Manche haben dieses Ereignis als eine Gnadenwirkung, andere als eine Wundertat Salamon (Friede sei mit ihm) angesehen und sind in einen Gegensatz geraten.
Die Wundertat ist der Beleg eines Propheten für sein Prophetentum; und die Gnadenwirkung ist eine Gabe Allahs an einen Seiner Diener. Da niemand in Allahs Namen etwas versprechen kann, kann weder auf der Gnadenwirkung noch auf der Wundertat beharrt werden. Allah Der Erhabeneder Erhabene sagt:
وَمَا كَانَ لِرَسُولٍ أَنْ يَأْتِيَ بِآَيَةٍ إِلَّا بِإِذْنِ اللَّهِ لِكُلِّ أَجَلٍ كِتَابٌ.
“Kein einziger Gesandter besitzt die Vollmacht, ohne die Erlaubnis Allahs eine Wundertat zu erbringen.” (ar-Ra’d 13/38)
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Bei der Herbeiführung des Thrones handelt es sich um einen Wettkampf zwischen dem Dschinn und dem der Wissen aus dem Buch besaß. Derjenige, der Wissen aus dem Buch besaß, sagte: ‘Ich bringe ihn dir, bevor du deine Augen auf und zu machst’, und er brachte ihn. Daher ist dieses Ereignis weder eine Wundertat noch eine Gnadenwirkung, sondern, wie in im Versangegeben, eine Kenntnis aus dem Buch Allahs. Diese Kenntnis müsste auch im Koran vorkommen. Wenn man so verfährt, wie es der Koran vorgibt, wird es möglich sein, jene Kenntnis herauszufinden.
Den Koran hat der Koran selbst ausgelegt, und der Gesandte Allahs hat uns mit seinen Worten und Taten einen wichtigen Teil des Korans dargelegt. Der Koran hat uns auch gezeigt, wie die vorherigen Bücher genutzt werden können. Die Ayat, die die Beziehung zwischen dem Islam und der Schöpfungsordnung (Fitra) betonen, deuten auf die Wichtigkeit der Schöpfungsordnung bei der Auslegung des Korans. Und dass der Koran auf Arabisch ist, zeigt die Wichtigkeit der arabischen Sprache. Mit diesen Verfahrensweisen wird es möglich, an die Deutung der Koranverse zu gelangen.
Allah der Erhabene sagt:
الر كِتَابٌ أُحْكِمَتْ آيَاتُهُ ثُمَّ فُصِّلَتْ مِن لَّدُنْ حَكِيمٍ خَبِيرٍ.
“Elif, Lâm, Râ. Dies ist ein solches Buch, dessen Verse eindeutig festgelegt (muhkem Ayat) und dann durch Allah, Der allweise ist und die Innersten aller Dinge kennt, erläutert worden sind.” (Hûd 11/1)
Der Begriff muhkem, der hier als “eindeutig festgelegt” übersetzt wurde, wird für solche Worte verwendet, die festgelegt sind und nach Wortlaut und Bedeutung keine Zweifel aufkommen lassen. Da die muhkem (= eindeutig festgelegten) Ayat durch Allah erläutert werden, erfolgt diese Erläuterung durch die übrigen Ayat. Demnach kann der Koran in zwei Kategorien aufgeteilt werden: 1. die eindeutig festgelegten Ayat und 2. die Ayat, die Einzelheiten über erstere geben. Die zweite Aya diesbezüglich lautet:
اللَّهُ نَزَّلَ أَحْسَنَ الْحَدِيثِ كِتَابًا مُّتَشَابِهًا مَّثَانِيَ
“Allah hat das schönste Wort in Form eines gleichartigen (müteşâbih), paarweisen (mesânî) Buches herabgesandt.” (az-Zumar 39/23)
Zwei gleichartige Dinge werden als müteşâbih bezeichnet. Mesânî (مثَانِي) ist der Plural von mesnâ (مثَنى), was paarweise bedeutet.[7] Das heißt also, dass die Verse des Korans aus gleichartigen, paarweisen Gruppen gebildet sind. Dies zeigt, dass ein Vers mit vielen anderen Versen gleichartig ist und in paarweiser Beziehung steht. Nicht jeder kann die gleichartigen Verse herausfinden. Allah der Erhabene sagt:
كِتَابٌ فُصِّلَتْ آيَاتُهُ قُرْآنًا عَرَبِيًّا لِّقَوْمٍ يَعْلَمُونَ.
“Für eine Gemeinschaft (kavim), die die Verse wissen, ist dies ein Buch, das als eine arabische Lesung erläutert worden ist.” (Fussilat 41/3)
Es ist die Arbeit einer wissenden Gemeinschaft (kavim), die gleichartigen Verse herauszufinden. Kavim bedeutet eigentlich “eine Gemeinschaft von Männern”; allerdings wurde dieser Begriff im Koran generell als “eine Gemeinschaft von Männern und Frauen” benutzt.[8] Die Tatsache, dass der Koran auf Arabisch ist, erfordert, dass es innerhalb dieser Gemeinschaft Personen gibt, die die arabische Sprache gut kennen. Wie unten im Vers angegeben, sind dies keine gewöhnlichen Experten, sondern “الرَّاسِخُونَ فِي الْعِلْمِ = er-râsihûne fi’l-ilm”, das heißt, dies sind Personen, die sich in der Wissenschaft einen tiefgründigen, soliden Platz verschafft und einige sichere Ergebnisse erlangt haben. Nun für eine solche Gemeinschaft sind die Erläuterungen des Korans vorgesehen.
Folgender Vers legt die Thematik genau dar:
هُوَ الَّذِيَ أَنزَلَ عَلَيْكَ الْكِتَابَ مِنْهُ آيَاتٌ مُّحْكَمَاتٌ هُنَّ أُمُّ الْكِتَابِ وَأُخَرُ مُتَشَابِهَاتٌ فَأَمَّا الَّذِينَ في قُلُوبِهِمْ زَيْغٌ فَيَتَّبِعُونَ مَا تَشَابَهَ مِنْهُ ابْتِغَاء الْفِتْنَةِ وَابْتِغَاء تَأْوِيلِهِ وَمَا يَعْلَمُ تَأْوِيلَهُ إِلاَّ اللّهُ وَالرَّاسِخُونَ فِي الْعِلْمِ يَقُولُونَ آمَنَّا بِهِ كُلٌّ مِّنْ عِندِ رَبِّنَا وَمَا يَذَّكَّرُ إِلاَّ أُوْلُواْ الألْبَابِ
“Er ist es, Der dir dieses Buch herabgesandt hat. Ein Teil seiner Verse sind eindeutig festgelegt (muhkem). Sie sind der Kern des Buches. Die anderen wiederum sind gleichartig (=müteşâbih). Diejenigen, die Krummes in sich haben, folgen den gleichartigen Versen (müteşâbih Ayat) mit der Absicht, Zwietracht herbeizuführen und diese Verse nach ihren eigenen Zielen zu deuten (tevîl). Dabei kennt niemand außer Allah ihre Deutung. Diejenigen, die sicheres Wissen besitzen, sagen: ‘Wir glauben daran. Alles ist von unserem Herrn.’ Nur diejenigen, die so denken, sind rein im Inneren.” (Âl-i Imrân 3/7)
Tevîl bedeutet “etwas nach seinem Ziel auszurichten”.[9] Das Ziel der gleichartigen Verse sind die eindeutig festgelegten Verse. Allah der Erhabene ist es, Der diese gegenseitig austauscht und das eine mit dem anderen erläutert. Niemand sonst ist dazu in der Lage. Aber “… Diejenigen, die Krummes in sich haben, folgen den gleichartigen Versen (müteşâbih Ayat) mit der Absicht, Zwietracht herbeizuführen und diese Verse nach ihren eigenen Zielen deuten.” Das bedeutet, dass sie die Beziehungen zwischen den Versen ignorieren und somit versuchen, sie nach ihren eigenen Zielen auszurichten und Zwietracht herbeizuführen.
Trotz ihrer guten Absichten kann es dazu kommen, dass auch Gelehrte die Beziehung zwischen den Versen falsch aufstellen. Sie zählen nicht zu den oben genannten Personen, da sie nicht nach Zwietracht trachten und nicht die Verse nach ihren eigenen Wünschen deuten.
“Diejenigen, die sicheres Wissen besitzen, sagen: ‘Wir glauben daran. Alles ist von unserem Herrn.’” Er ist es also, Der die Verse als eindeutig und gleichartig (muhkem und müteşâbih) herabgesandt, sie miteinander verbunden und nach einem bestimmten Ziel ausgerichtet hat. Wir versuchen nicht, die Ayat nach einem Ziel auszurichten, sondern wir versuchen, das Ziel herauszufinden, das Allah vorgegeben hat.
Diejenigen, die das Beziehungsgeflecht zwischen den Versen nicht erkennen konnten, haben die Begriffe tevîl, müteşâbih und mesânî mit unterschiedlichen Bedeutungen versehen. Aus diesem Grunde sind viele Verse falsch ausgelegt worden, sodass viele islamische Institutionen in Bedrängnis geraten sind. Beispiele hierfür könnten der Talak (= die Ehescheidung durch einseitige Erklärung des Mannes), die Vormundschaft bei der Eheschließung und Zinsen[10] sein. Zudem gibt es eine Vielzahl an Versen, die nicht oder falsch erläutert worden sind. Als Beispiele hierfür können die Verse “wir haben gehört und uns dagegen aufgelehnt”[11] sowie der 15. Vers der Sure al-Hadsch[12] genannt werden.
Die Tatsache, dass die Beziehungen zwischen den Versen nicht erkannt werden konnten, hat dazu geführt, dass die Einheit zwischen dem Koran und der Sunna[13] abhanden gekommen ist und der Band zwischen den Sprüchen des Propheten (Hadithen[14]) und dem Koran im erforderlichen Maße nicht erkannt werden konnte. Daher hat die Mehrheit der Menschen die Sunna als einen zweiten unabhängigen Beleg neben dem Koran angesehen und die Diskrepanz vertieft. Diese Haltung hat die Behauptung mit sich gebracht, dass der Koran und die Sunna gegensätzliche Bedeutungen beinhalten oder unterschiedliche Gebiete regeln könnten. Der Gegensatz zwischen dem Verständnis der Hadith, die den Verkauf von Gold, Silber, Weizen, Gerste, Datteln und Salz regelt, und der Koranvers bezüglich der Zinsen könnte hierfür als Beispiel genannt werden.[15] Manche dieser Leute sind sogar weiter gegangen und haben behauptet, dass die Prohetensprüche (Sunna) den Koran ersetzen könnte; andere wiederum haben die Behauptung aufgestellt, dass der Koran und die Sunna sich jeweils selbst und nicht gegenseitig ersetzen könnten.[16]
Aufgrund der Misere, die aus der falschen Bildung der Beziehung zwischen dem Koran und der Sunna entstanden ist, haben einige Gelehrte die Sunna nicht beachtet, während andere geglaubt haben, dass der Koran die Ursache der Misere sei, und daher den Koran mit einem “historischen” Ansatz in die Zeit und den Raum seiner Offenbarung bzw. in ein religiöses und ethisches Beziehungsfeld einzusperren versucht haben. Diese Ansätze haben einerseits das Feld der falschen Auslegungen erweitert und andererseits schwer wiegende Resultate herbeigeführt wie etwa die Missachtung mancher Verse oder ihre Verbannung in die Geschichte. Der gemeinsame Fehler der Mehrheit liegt aber darin, dass sie die Kenntnisse aus den Büchern der Gelehrten, denen sie vertraut, als wahr auffasst und diese aus Sicht des Korans und der Sunna nicht im erforderlichen Maße kritisieren kann. Die Methode, die in den oben aufgeführten Versen dargelegt wurde, ist allerdings dergestalt, dass sie sämtliche fehlerhaften Haltungen verhindern wird.
Im Folgenden wird versucht gegenüberzustellen, wie der Koran und die Gelehrten die Begriffe muhkem, müteşâbih, mesânî und tevîl jeweils deuten:
Als muhkem wird ein Wort bezeichnet, das im wörtlichen und im inhaltlichen Sinne keine Zweifel aufkommen lässt.[17] Ein Vers, der muhkem ist, liefert eindeutige und sichere Bestimmungen der Gestalt: “etwas ist so” bzw. “etwas ist nicht so”. Es gibt keine Uneinigkeit bei der Definition dieser Bestimmung.
Die Wurzel von müteşâbih ist şibh bzw. şebeh, was Gleichartigkeit bedeutet. Zwei Dinge, die gleichartig sind, werden als müteşâbih, ihre Gleichartigkeit als teşâbüh bezeichnet.[18] In den folgenden acht Versen wird dieses Wort in diesem Sinne verwendet.
وَبَشِّرِ الَّذِينَ آَمَنُوا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ أَنَّ لَهُمْ جَنَّاتٍ تَجْرِي مِنْ تَحْتِهَا الْأَنْهَارُ كُلَّمَا رُزِقُوا مِنْهَا مِنْ ثَمَرَةٍ رِزْقًا قَالُوا هَذَا الَّذِي رُزِقْنَا مِنْ قَبْلُ وَأُتُوا بِهِ مُتَشَابِهًا.
a. “Verkünde denen, die glauben und Gutes tun, die frohe Botschaft, dass die Paradiese, durch die Bäche fließen, für sie bestimmt sind. Jedesmal, wenn sie Gebrauch machen von jeder der dort befindlichen Früchte, werden sie sagen: ‘Dies ist etwas, von dem wir bereits vorher Gebrauch gemacht haben.’ Gleichartige (müteşâbih) Dinge werden ihnen dort gegeben.” (al-Bakara 2/25)
قَالُوا ادْعُ لَنَا رَبَّكَ يُبَيِّنْ لَنَا مَا هِيَ إِنَّ الْبَقَرَ تَشَابَهَ عَلَيْنَا وَإِنَّا إِنْ شَاءَ اللَّهُ لَمُهْتَدُونَ.
b. “Sie sagten: ’Bitte für uns deinen Herrn, uns zu erläutern, welcher Art es ist. Für uns ist ein Rind gleichartig (müteşâbih) mit jedem anderen Rind; wenn wir Allahs Unterstützung bekommen, werden wir das Richtige tun.’” (al-Bakara 2/70)
وَقَالَ الَّذِينَ لَا يَعْلَمُونَ لَوْلَا يُكَلِّمُنَا اللَّهُ أَوْ تَأْتِينَا آَيَةٌ كَذَلِكَ قَالَ الَّذِينَ مِنْ قَبْلِهِمْ مِثْلَ قَوْلِهِمْ تَشَابَهَتْ قُلُوبُهُمْ.
c. “Die überheblichen Leute sagen: ‘Würde Allah doch auch mit uns sprechen, oder würden wir doch auch einen Beleg erhalten!’ Auch diejenigen vor ihnen hatten diese Ausdrücke benutzt. Ihre Herzen sind gleichartig (müteşâbih) geworden.” (al-Bakara 2/118)
وَهُوَ الَّذِي أَنْزَلَ مِنَ السَّمَاءِ مَاءً فَأَخْرَجْنَا بِهِ نَبَاتَ كُلِّ شَيْءٍ فَأَخْرَجْنَا مِنْهُ خَضِرًا نُخْرِجُ مِنْهُ حَبًّا مُتَرَاكِبًا وَمِنَ النَّخْلِ مِنْ طَلْعِهَا قِنْوَانٌ دَانِيَةٌ وَجَنَّاتٍ مِنْ أَعْنَابٍ وَالزَّيْتُونَ وَالرُّمَّانَ مُشْتَبِهًا وَغَيْرَ مُتَشَابِهٍ.
d. “Allah ist es, Der vom Himmel Wasser herabsendet. Er lässt damit jede Art von Pflanzen hervorkommen. Das Grün bringt Er daraus hervor und die übereinander geschichteten Körner aus dem Grünen. Aus der Dattelpalme bringt Er die Dattelbüschel hervor, die aus ihrer Knospe herabhängen, die Rebstöcke, den Oliven- und den Granatapfelbaum bringt Er in gleichartiger (müteşâbih) und in ungleichartiger (gayri müteşâbih) Form hervor.” (al-An’âm 6/99)
وَهُوَ الَّذِي أَنْشَأَ جَنَّاتٍ مَعْرُوشَاتٍ وَغَيْرَ مَعْرُوشَاتٍ وَالنَّخْلَ وَالزَّرْعَ مُخْتَلِفًا أُكُلُهُ وَالزَّيْتُونَ وَالرُّمَّانَ مُتَشَابِهًا وَغَيْرَ مُتَشَابِهٍ.
e. “Er ist es, Der die Pflanzen mit und ohne Spalieren, die unterschiedlich essbaren Datteln und Getreidesorten, die Oliven und die Granatäpfel in gleichartiger (müteşâbih) und in ungleichartiger (gayri müteşâbih) Form entstehen lässt.” (al-An’âm 6/141)
أَمْ جَعَلُوا لِلَّهِ شُرَكَاءَ خَلَقُوا كَخَلْقِهِ فَتَشَابَهَ الْخَلْقُ عَلَيْهِمْ قُلِ اللَّهُ خَالِقُ كُلِّ شَيْءٍ وَهُوَ الْوَاحِدُ الْقَهَّارُ
f. “Haben sie etwa Wesen in gemeinsamer Eigenschaft mit Allah gebildet und haben diese erschaffen, wie Allah erschafft, sodass diese Geschöpfe ihnen gleichartig (müteşâbih) erschienen sind? Sprich: Allah ist es, Der alles erschafft. Er ist der Einzige und Herrscher über alles.” (ar-Ra’d 13/16)
اللَّهُ نَزَّلَ أَحْسَنَ الْحَدِيثِ كِتَابًا مُتَشَابِهًا مَثَانِيَ
g. “Allah hat das schönste Wort in Form eines gleichartigen (müteşâbih), paarweisen (mesânî) Buches herabgesandt.” (az-Zumar 39/23)
هُوَ الَّذِي أَنْزَلَ عَلَيْكَ الْكِتَابَ مِنْهُ آَيَاتٌ مُحْكَمَاتٌ هُنَّ أُمُّ الْكِتَابِ وَأُخَرُ مُتَشَابِهَاتٌ.
h. “Er ist es, Der dir dieses Buch herabgesandt hat. Ein Teil seiner Verse ist eindeutig festgelegt (muhkem). Sie sind der Kern des Buches. Die anderen wiederum sind gleichartig (müteşâbih).” (Âl-i Imrân 3/7)
Die Gelehrten haben dem Begriff müteşâbih in sieben der oben genannten Verse die Bedeutung “zwei gleichartige Dinge” zugeordnet; allerdings haben sie diesen Begriff in
Âl-i Imrân 3/7, ohne sich auf einen einzigen Beweis zu beziehen, folgendermaßen beschrieben: “Dies sind Verse, die die Gelehrten mit ihrem Verstand nicht begreifen können, da ihre Bedeutungen verdeckt sind und da es im Koran und in der Sunna weder einen definitiven noch einen scheinbaren Beleg dazu gibt.”[19]
Die eindeutig festgelegten Verse “sind der Kern des Buches. Die anderen wiederum sind gleichartig (müteşâbih)”; daher ist es klar, dass ein Großteil der Verse des Korans gleichartig sind. Denn der “Kern” einer Sache ist stets gering, der Rest ist umfangreich. Aus diesem Grunde beinhaltet die oben dargestellte Beschreibung auch die These, dass ein Großteil der Verse nicht verstanden werden könne. Da es nicht möglich ist, dies zu akzeptieren, hat jeder Gelehrte, auch hier ohne sich auf einen Beleg zu beziehen, versucht, die Anzahl der gleichartigen Verse einzugrenzen. Eindeutig festgelegt sind laut Taberî nach einer Überlieferung von İbn Abbâs die Verse des Korans in Bezug auf Ermahnungen, das Erlaubte, das Verbotene, Grenzen und Vorschriften, an die man glaubt und die man anwendet. Gleichartig wiederum sind die Verse des Korans in Bezug auf die Ersetzung von Geboten, Botschaften über die Vergangenheit und die Zukunft, Eide und Beispiele, an die man glaubt, die man aber nicht anwendet.[20]
Laut Ragıb el-İsfahanî ist müteşâbih (die gleichartigen Verse) in drei Rubriken einzuteilen:
Elmalılı Muhammed Hamdi Yazır hat versucht, das Thema wissenschaftlich zu erklären, und gesagt: “Den Umstand, dass zwei Dinge sich gegenseitig und gleichartig ähneln, bezeichnet man als teşâbüh, während müteşâbih die jeweiligen gleichartigen Dinge bezeichnet, die mit dem bloßen Verstand nicht unterschieden werden können. Bei teşbih und müşabehet handelt es sich um zwei Dinge, von denen das eine unvollständig und zweitrangig ist, während das andere vollständig und grundlegend ist. Bei teşâbüh hingegen sind beide Dinge gleichgewichtig und gleichartig; die Ähnlichkeiten verdecken dabei die Unterschiede und können wie in den folgenden Vers nicht mehr unterschieden werden: “Gewiss ist jene Kuh für uns gleichartig geworden” (al-Bakara 2/70), “ihre Herzen sind gleichartig geworden” (al-Bakara 2/118), “… und es wird ihnen Gleichartiges gegeben” (al-Bakara 2/25). Das heißt also, dass teşâbüh zu Ununterscheidbarkeit führt. Die Ununterscheidbarkeit ist eine Folgerung, die hierdurch verursacht wird.”[22]
Diese Erläuterung ist nicht wissenschaftlich. Elmalılı hat sie von Fahrettin Razî übernommen.[23] Als er die obigen Verse selbst gedeutet hat, hat er nicht denselben Fehler begangen. Die Vers al-Bakara 2/25 hat er folgendermaßen gedeutet: “Sind diese Früchte im Diesseits und im Jenseits denn tatsächlich von gleicher Art? Nein, sie sind nicht von gleicher Art, sie sind gleichartig, sie ähneln sich gegenseitig. Tatsächlich gibt es aber große Unterschiede zwischen ihnen.”[24] Das heißt, dass von einer Verwechslung nicht die Rede sein kann.
Seine Deutung hinsichtlich der Vers al-Bakara 2/70 lautet: “Diese Kuh erschien uns gleichartig (müteşâbih), wir konnten nicht abschätzen, welche Kuh es ist. Jedes Mal, wenn wir nach ihren Eigenschaften fragen, werden uns Eigenschaften dargelegt, die auch andere vorweisen.”[25] Eigenschaften, die auch bei anderen vorkommen, sind solche, die gleichartig sind.
Elmalılı kommentiert al-Bakara 2/118 folgendermaßen: “Ihr seht, dass die Herzen dieser und der vorherigen völlig gleichartig geworden sind, als ob ihre Gefühle und Gedanken gleich geworden wären.”[26] Die Gleichartigkeit, von der hier die Rede ist, bezieht sich auf die Gefühle und Gedanken; es geht nicht darum, dass man sie sonst nicht unterscheiden könnte.
Die Korankommentatoren haben eine weitere Merkwürdigkeit begangen: Sie haben den gesamten Koran als eindeutig festgelegt aufgefasst, indem sie den ersten Vers der Sure Hûd als Beleg herangezogen haben, andererseits mit az-Zumar 39/23 als Beleg hielten sie alles für gleichartig und wiederum anders, indem sie den Vers Âl-i Imrân 3/7 als Beleg vorzeigten, haben sie manche Verse für eindeutig festgelegt und andere für gleichartig gehalten.[27]
Der Prophet hat bezüglich des Begriffs müteşâbih keine Erläuterungen gemacht. Seine Frau Aischa sagte: “Der Gesandte Allahs (Friede und Segen Allahs seien mit ihm) hat den Vers Âl-i Imrân 3/7 rezitiert und Folgendes gesagt: ‘Wenn ihr diejenigen seht, die sich nach den müteşâbih Versen des Korans richten, solltet ihr wissen, dass sie die Personen sind, von denen Allah berichtet, nehmt euch in Acht vor ihnen.’”[28]
Da in der Hadith nicht dargelegt wird, was müteşâbih bedeutet, muss man diesen Begriff nach seiner Bedeutung im Wörterbuch verstehen. Denn Allah der Erhabene hat gesagt:
وَمَا أَرْسَلْنَا مِنْ رَسُولٍ إِلَّا بِلِسَانِ قَوْمِهِ لِيُبَيِّنَ لَهُمْ.
“Wir haben jeden Gesandten in der Sprache seines Volkes entsandt, damit er ihnen gut darlegt.” (Ibrahim 14/4)
Wie man sieht, hat das Verständnis der Gelehrten von müteşâbih weder zum Koran noch zur Sunna, zur arabischen Sprache oder zu einer wissenschaftlichen Begründung einen Bezug. Dieses Verständnis führt auch dazu, dass der Koran bis auf einige Verse unverständlich sei. Dabei ist der Koran ein offenes Buch. Viele Suren beginnen mit den Worten: “Dies sind die Verse jenes offenen Buches.”[29] Aus diesem Grunde kann dieses Verständnis in keinster Weise akzeptiert werden.
Als müteşâbih werden zwei Dinge bezeichnet, die gleichartig sind. Dieser Begriff unterscheidet sich von teşbih, was nicht zur Darlegung einer Gleichartigkeit verwendet wird, sondern für eine verstärkende und wirkungsvolle Beschreibung. In den Ausdrücken “ein Mann so mutig wie ein Löwe” und “ein Kind so schlau wie ein Fuchs” wird der Mann in seinem Mut mit einem Löwen und das Kind in seiner Schlauheit mit einem Fuchs verglichen. Tatsächlich ähnelt weder der Mann einem Löwen noch das Kind einem Fuchs. Das bedeutet also, dass sie nicht gleichartig (müteşâbih) sein müssen. Dinge, die gleichartig (müteşâbih) sind, bilden spezifische Gattungen, Arten und Klassen. Nur auf diese Weise werden Dinge definiert, Wissenschaften aufgebaut und neue Ziele erreicht.
Die Verse Âl-i Imrân 3/7 und az-Zumar 39/23 zeigen, dass auch die Verse des Korans gleichartig (müteşâbih) sind. Da sie sich gegenseitig erläutern, ist es unumgänglich, dass sie gleichartig sind. Daher sollte man beim Erlernen des Korans so vorgehen wie beim Erlernen von anderen Dingen und die gleichartigen Verse in Gruppen einteilen und somit an die Erläuterung des Korans gelangen. Da eine Gleichartigkeit zwischen mindestens zwei Dingen bestehen kann, gibt es im Koran ein Netz von Zweierbeziehungen. Dies wird mit dem Begriff mesânî verstärkt.
Mesânîمثَانِي) ) ist der Plural von mesnâ (مثَنى). Mesnâ bedeutet “je zwei” und mesânî bedeutet “mehrere Zweiergruppen”.[30] Dieses Wort kommt in den folgenden vier Versen vor:
وَإِنْ خِفْتُمْ أَلَّا تُقْسِطُوا فِي الْيَتَامَى فَانْكِحُوا مَا طَابَ لَكُمْ مِنَ النِّسَاءِ مَثْنَى وَثُلَاثَ وَرُبَاعَ فَإِنْ خِفْتُمْ أَلَّا تَعْدِلُوا فَوَاحِدَةً أَوْ مَا مَلَكَتْ أَيْمَانُكُمْ ذَلِكَ أَدْنَى أَلَّا تَعُولُوا.
a. “Wenn ihr befürchtet, die Rechte der verwaisten Mädchen nicht hüten zu können, dann heiratet je zwei (mesnâ), drei oder vier der anderen Frauen, die euch erlaubt sind. Wenn ihr befürchtet, sie nicht gleich behandeln zu können, dann beschränkt euch auf eine Frau oder auf die Sklavin, die ihr besitzt. Dies ist eher geeignet, dass ihr nicht in Bedrängnis geratet.” (an-Nisa 4/3)
قُلْ إِنَّمَا أَعِظُكُمْ بِوَاحِدَةٍ أَنْ تَقُومُوا لِلَّهِ مَثْنَى وَفُرَادَى ثُمَّ تَتَفَكَّرُوا مَا بِصَاحِبِكُمْ مِنْ جِنَّةٍ إِنْ هُوَ إِلَّا نَذِيرٌ لَكُمْ بَيْنَ يَدَيْ عَذَابٍ شَدِيدٍ.
b. “Sprich: Ich habe einen einzigen Ratschlag für euch: Steht für Allah zu zweit (mesnâ) und einzeln auf und überlegt gut; euer Freund ist kein Wahnsinniger, er ist nur jemand, der euch vor einer gewaltigen Bestrafung warnt.” (Saba 34/46)
الْحَمْدُ لِلَّهِ فَاطِرِ السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضِ جَاعِلِ الْمَلَائِكَةِ رُسُلًا أُولِي أَجْنِحَةٍ مَثْنَى وَثُلَاثَ وَرُبَاعَ.
c. “Allah, Der die Himmel und die Erde erschuf und die Engel zu Gesandten mit je zwei (mesnâ), drei und vier Flügeln machte, handelt schön, was immer Er macht…” (Fâtir 35/1)
اللَّهُ نَزَّلَ أَحْسَنَ الْحَدِيثِ كِتَابًا مُتَشَابِهًا مَثَانِيَ.
d. “Allah hat das schönste Wort in Form eines gleichartigen und paarweisen (mesânî) Buches hinabgesandt.” (az-Zumar 39/23)
Ein Vers, der eindeutig festgelegt ist, und ein weiterer gleichartiger Vers, der wiederum den ersteren erläutert, sind zwei Verse. Diese werden erneut durch weitere zwei Verse erläutert. Bei gewissen Themen kann diese Kette in Form von zwei, vier, sechs, acht usw. Verse verlängert werden. Wer diese Verse herausfindet, kann zu jedem Thema das feinste Detail entdecken. Der Begriff, der auf die paarweise Beziehung zwischen den sich gegenseitig erläuternden Verse hinweist, ist mesânî.
Auch in folgendem Vers kommt der Begriff mesânî vor: “Wir gaben dir sieben Stück von jenen mesânî und den erhabenen Koran.” (al-Hidschr 15/87) Da hier der Begriff in Form von el-mesânî bestimmt ist, also mit einem bestimmten Artikel ist, trägt er die in der Sure az-Zumar vorkommende Bedeutung. Auf diese Weise zeigen uns die Verse al-Hidschr 15/87 und az-Zumar 39/23, dass alle Verse im Koran paarweise auftreten.
Der Vers al-Hidschr 15/87 weist auf sieben der paarweisen Verse hin, mit denen die Verse der Sure al-Fatiha gemeint sind. Daher ist die Sure al-Fatiha zum Kernstück des Korans und zur erhabensten Sure von allen auserkoren. Ebû Saîd el-Muallâ berichtet: “Ich war dabei, im Gebetsraum das rituelle Gebet zu verrichten, als mich der Gesandte Allahs (Friede und Segen Allahs seien mit ihm) rief und ich nicht antwortete. Später sagte ich zu ihm: ‘O Gesandter Allahs, ich war dabei, das rituelle Gebet zu verrichten.’ Er sagte: ‘Sagt denn Allah der Erhabene nicht, dass ihr antworten sollt, wenn Allah und Sein Gesandter rufen? Noch bevor wir aus diesem Gebetsraum heraustreten, werde ich dir eine Sure beibringen; sie ist die erhabenste Sure des Korans.’ Dann hielt er mich an der Hand und wollte den Gebetsraum verlassen. Ich fragte: ‘Hast du nicht gesagt: Ich werde dir eine Sure beibringen; sie ist die erhabenste Sure des Korans?’ Er sagte: ‘El-hamdu lillah (die Sure al-Fatiha) wurde mir als sieben mesânî und der erhabene Koran gegeben.[31] Allah hat etwas derartiges weder in der Thora noch im Evangelium herabgesandt.’”[32]
Nachdem die Beziehungen zwischen den Koranversen nicht richtig aufgestellt werden konnten, konnte die wahre Bedeutung des Begriffes mesânî auch nicht herausgestellt werden. Ein wichtiger Teil der Gelehrten hat diesen Begriff als “sich wiederholende, einige Male wiederkehrende Verse” verstanden; sie erläuterten dies damit, dass sich die lehrreichen Geschichten, die Ratschläge, die Gebote, die Berichte und Ereignisse bezüglich der Vergangenheit im Koran wiederholen, dass die Verse über die Gnade und die Bestrafung nebeneinander stehen und von gegensätzlichen Dingen, dem Paradies und der Hölle sowie den Eigenschaften von guten und schlechten Menschen handeln.[33]
“Alles, wovon im Koran die Rede ist, kommt paarweise vor: so z. B. die Gebote und die Verbote, Allgemeines und Eigentümliches, Essenzielles und Ausführliches, der Zustand der Erde und der Himmel, das Paradies und die Hölle, die Dunkelheit und die Helligkeit, die Angst und die Hoffnung. Der Zweck hiervon ist zu verdeutlichen, dass alles außer Allah paarweise vorkommt. Und dies zeigt, dass alle Dinge mit ihren Gegensätzen geprüft werden. Einzigartig ist nur Allah der Erhabene.”[34]
Diese Râzî’s Worte sind schön und gut, allerdings tragen sie nichts zur Erläuterung des Korans bei.
Tevîl hat im Wörterbuch die Bedeutung, “etwas nach seinem Ziel auszurichten/ auszulegen/ zu deuten” (رد الشيئ إلى الغاية المرادة منه).[35] Im Koran wird diese Bedeutung dem mesânî-Prinzip entsprechend an vier Stellen dargelegt.
a. Die Auslegung der Ereignisse um Musa (Moses) und Hızır
Musa (Friede sei mit ihm) war auf eine Reise mit Hızır[36] gegangen und hatte manches Verhalten, das Hızır zeigte, nicht aushalten können. Denn dieser hatte zunächst ein Loch in das Schiff gebohrt, auf das sie gestiegen waren, dann einen Jungen getötet und schließlich in einer Stadt, in der sie als Gäste nicht aufgenommen worden waren, eine Mauer aufgerichtet, die einzustürzen drohte. Gerade, als sie entschieden hatten, sich zu trennen, sagte Hızır:
سَأُنَبِّئُكَ بِتَأْوِيلِ مَا لَمْ تَسْتَطِع عَّلَيْهِ صَبْرًا.
“… Ich werde dir die Deutung (tevîl) der Dinge erklären, die du nicht aushalten konntest.” (al-Kehf, 18/78) Er fuhr fort:
أَمَّا السَّفِينَةُ فَكَانَتْ لِمَسَاكِينَ يَعْمَلُونَ فِي الْبَحْرِ فَأَرَدْتُ أَنْ أَعِيبَهَا وَكَانَ وَرَاءَهُمْ مَلِكٌ يَأْخُذُ كُلَّ سَفِينَةٍ غَصْبًا. وَأَمَّا الْغُلَامُ فَكَانَ أَبَوَاهُ مُؤْمِنَيْنِ فَخَشِينَا أَنْ يُرْهِقَهُمَا طُغْيَانًا وَكُفْرًا. فَأَرَدْنَا أَنْ يُبْدِلَهُمَا رَبُّهُمَا خَيْرًا مِنْهُ زَكَاةً وَأَقْرَبَ رُحْمًا. وَأَمَّا الْجِدَارُ فَكَانَ لِغُلَامَيْنِ يَتِيمَيْنِ فِي الْمَدِينَةِ وَكَانَ تَحْتَهُ كَنْزٌ لَهُمَا وَكَانَ أَبُوهُمَا صَالِحًا فَأَرَادَ رَبُّكَ أَنْ يَبْلُغَا أَشُدَّهُمَا وَيَسْتَخْرِجَا كَنْزَهُمَا رَحْمَةً مِنْ رَبِّكَ وَمَا فَعَلْتُهُ عَنْ أَمْرِي ذَلِكَ تَأْوِيلُ مَا لَمْ تَسْطِعْ عَلَيْهِ صَبْرًا.
“Das Schiff gehörte einigen Leuten, die auf dem Meer arbeiten und keine andere Arbeit haben; ich wollte es in einen schadhaften Zustand versetzen. Denn ein Herrscher war hinter ihnen her, der gewaltsam intakte Schiffe konfiszierte.”
“Was den Jungen anbetrifft, so waren seine Eltern gläubige Menschen. Wir fürchteten, dass er sie aufhetzen und ins Leugnen treiben würde. Wir wollten, dass ihr Herr ihnen jemanden gibt, der reiner und barmherziger ist.”
“Die Mauer hingegen gehörte zwei Waisenjungen in der Stadt. Unter ihr befand sich ein Schatz, der ihnen gehörte. Ihr Vater war ein guter Mensch. Dein Herr wollte, dass sie ihre Vollreife erlangen und dann ihren Schatz hervorholen. Dies ist eine Gabe von deinem Herrn, ich habe diese Dinge nicht von mir aus getan. Dies ist die Deutung/Auslegung (tevîl) der Dinge, die du nicht aushalten konntest.” (al-Kehf 18/79-82)
Nachdem die Deutung (tevîl), also der grundliegende Zusammenhang der Ereignisse aufgezeigt wurde, war Musas (Friede sei mit ihm) Verwirrung vergangen.
b. Die Traumdeutung
:
Die Deutung von Träumen wird ebenfalls als tevîl bezeichnet. Als Yusuf (Friede sei mit ihm) im Kerker saß, sagte der Herrscher Folgendes:
وَقَالَ الْمَلِكُ إِنِّي أَرَى سَبْعَ بَقَرَاتٍ سِمَانٍ يَأْكُلُهُنَّ سَبْعٌ عِجَافٌ وَسَبْعَ سُنْبُلَاتٍ خُضْرٍ وَأُخَرَ يَابِسَاتٍ يَا أَيُّهَا الْمَلَأُ أَفْتُونِي فِي رُؤْيَايَ إِنْ كُنْتُمْ لِلرُّؤْيَا تَعْبُرُونَقَالُوا أَضْغَاثُ أَحْلَامٍ وَمَا نَحْنُ بِتَأْوِيلِ الْأَحْلَامِ بِعَالِمِينَ. وَقَالَ الَّذِي نَجَا مِنْهُمَا وَادَّكَرَ بَعْدَ أُمَّةٍ أَنَا أُنَبِّئُكُمْ بِتَأْوِيلِهِ فَأَرْسِلُونِ. يُوسُفُ أَيُّهَا الصِّدِّيقُ أَفْتِنَا فِي سَبْعِ بَقَرَاتٍ سِمَانٍ يَأْكُلُهُنَّ سَبْعٌ عِجَافٌ وَسَبْعِ سُنْبُلَاتٍ خُضْرٍ وَأُخَرَ يَابِسَاتٍ لَعَلِّي أَرْجِعُ إِلَى النَّاسِ لَعَلَّهُمْ يَعْلَمُونَ. قَالَ تَزْرَعُونَ سَبْعَ سِنِينَ دَأَبًا فَمَا حَصَدْتُمْ فَذَرُوهُ فِي سُنْبُلِهِ إِلَّا قَلِيلًا مِمَّا تَأْكُلُونَ. ثُمَّ يَأْتِي مِنْ بَعْدِ ذَلِكَ سَبْعٌ شِدَادٌ يَأْكُلْنَ مَا قَدَّمْتُمْ لَهُنَّ إِلَّا قَلِيلًا مِمَّا تُحْصِنُونَ. ثُمَّ يَأْتِي مِنْ بَعْدِ ذَلِكَ عَامٌ فِيهِ يُغَاثُ النَّاسُ وَفِيهِ يَعْصِرُونَ.
“’Ich sehe sieben wohlgenährte Kühe, die von sieben mageren Kühen gefressen werden, sieben grüne Ähren und ebenso viele dürre Ähren. O ihr Führenden! Falls ihr Träume deuten könnt, so deutet meinen Traum richtig.’
Sie sagten: ‘Dies sind wirre Träume; wir kennen die Deutung (tevîl) von solchen Träumen nicht.’
Eine von den zwei Personen, die (mit Yusuf im Kerker saßen und dann) freikamen, erinnerte sich nach all der Zeit an Yusuf und sagte: ‘Ich werde euch seine Deutung (tevîl) wissen lassen, erlaubt es mir.’ Dann kam er zu Yusuf, der den Traum deutete (tevîl) und sagte:
‘Ihr sollt durchgehend sieben Jahre lang säen, lasst die Ernte in den Ähren bis auf den kleinen Teil, den ihr essen werdet. Dann werden sieben Hungerjahre folgen, die all eure Vorräte aufzehren werden bis auf den kleinen Teil, den ihr aufbewahren werdet. Hiernach wird ein Jahr kommen, das das Volk behaglich verbringen wird, und dann können sie wieder auspressen und melken.’” (Yusuf 12/43-49)
Die Traumdeutung erfolgt dergestalt, dass geschaut wird, welches der alltäglichen realen Ereignisse dem Symbol im Traum entspricht. Wer diesen Bezug nicht herstellen kann, kann jene Deutung (tevîl) nicht machen. Die Männer des Herrschers hatten dies nicht vollziehen können.
c. Die Deutung der Welt
Die Welt ist ein Ort der Prüfung. Hier hat jedes Ereignis einen Bezug zum Jenseits. Diejenigen, die den richtigen Bezug nicht herstellen können, werden nicht in das erhoffte Paradies, sondern in die unerwünschte Hölle einziehen. Allah der Erhabene sagt:
وَنَادَى أَصْحَابُ النَّارِ أَصْحَابَ الْجَنَّةِ أَنْ أَفِيضُوا عَلَيْنَا مِنَ الْمَاءِ أَوْ مِمَّا رَزَقَكُمُ اللَّهُ قَالُوا إِنَّ اللَّهَ حَرَّمَهُمَا عَلَى الْكَافِرِينَ. الَّذِينَ اتَّخَذُوا دِينَهُمْ لَهْوًا وَلَعِبًا وَغَرَّتْهُمُ الْحَيَاةُ الدُّنْيَا فَالْيَوْمَ نَنْسَاهُمْ كَمَا نَسُوا لِقَاءَ يَوْمِهِمْ هَذَا وَمَا كَانُوا بِآَيَاتِنَا يَجْحَدُونَوَلَقَدْ جِئْنَاهُمْ بِكِتَابٍ فَصَّلْنَاهُ عَلَى عِلْمٍ هُدًى وَرَحْمَةً لِقَوْمٍ يُؤْمِنُونَ. هَلْ يَنْظُرُونَ إِلَّا تَأْوِيلَهُ يَوْمَ يَأْتِي تَأْوِيلُهُ يَقُولُ الَّذِينَ نَسُوهُ مِنْ قَبْلُ قَدْ جَاءَتْ رُسُلُ رَبِّنَا بِالْحَقِّ فَهَلْ لَنَا مِنْ شُفَعَاءَ فَيَشْفَعُوا لَنَا أَوْ نُرَدُّ فَنَعْمَلَ غَيْرَ الَّذِي كُنَّا نَعْمَلُ قَدْ خَسِرُوا أَنْفُسَهُمْ وَضَلَّ عَنْهُمْ مَا كَانُوا يَفْتَرُونَ.
“Die Hölleneinwohner werden den Paradieseinwohnern folgendes zurufen: ‘Gebt auch uns von dem Wasser und den Gaben weiter, die Allah euch gegeben hat.’ Sie werden sagen: ‘Allah der Erhabene hat den Wahrheitsbedeckern diese Dinge verboten.’
Die Wahrheitsbedecker sind diejenigen, die das Spiel und das Vergnügen sich zu einer Religion, zu einer Lebensart machen. Das irdische Leben hat sie getäuscht. Heute werden Wir sie vergessen; ohnehin hatten sie es auch vergessen, dass sie einem solchen Tag begegnen würden, und wissentlich Unsere Zeichen geleugnet.
Wir hatten ihnen ein Buch gesandt und es mit Wissen dargelegt. Wir hatten es gesandt, damit es denjenigen, die glauben würden, den rechten Weg zeigt und eine Gabe ist.
Erwarten sie etwas anderes als seine Deutung (tevîl)? An dem Tag, an dem seine Deutung (tevîl) kommen wird, werden diejenigen, die es zuvor vergessen hatten, Folgendes sagen: ‘Die Gesandten unseres Herrn hatten tatsächlich die Wahrheit gebracht. Gibt es denn Fürsprecher, die für uns Fürsprache einlegen? Oder würden wir doch wieder zurückgeschickt werden, damit wir etwas anderes tun als das, was wir zu tun pflegten.’ Dies sind Leute, die sich verausgabt haben. Auch die Dinge, die sie erfunden haben, werden entschwunden sein.” (al-A’raf 7/50-53)
So wird also auch der Bezug zwischen dem irdischen Verhalten und dem Jenseits mit dem Begriff “tevîl” zum Ausdruck gebracht. Wesentlich und dauerhaft ist das Jenseits. Was dort entgegengebracht wird, wird dem diesseitigen Handeln ähnlich sein. Allah der Erhabene sagt:
مَنْ جَاءَ بِالْحَسَنَةِ فَلَهُ عَشْرُ أَمْثَالِهَا وَمَنْ جَاءَ بِالسَّيِّئَةِ فَلَا يُجْزَى إِلَّا مِثْلَهَا وَهُمْ لَا يُظْلَمُونَ.
“Wer mit etwas Gutem kommt, dem wird das Zehnfache davon gegeben; und wer mit etwas Schlechtem kommt, dem wird nur eine ebenbürtige Strafe gegeben. Keinem von ihnen wird Unrecht widerfahren.” (al-An’âm 6/160)
d. Die Deutung der Verse
Allah der Erhabene sagt:
هُوَ الَّذِي أَنْزَلَ عَلَيْكَ الْكِتَابَ مِنْهُ آَيَاتٌ مُحْكَمَاتٌ هُنَّ أُمُّ الْكِتَابِ وَأُخَرُ مُتَشَابِهَاتٌ فَأَمَّا الَّذِينَ فِي قُلُوبِهِمْ زَيْغٌ فَيَتَّبِعُونَ مَا تَشَابَهَ مِنْهُ ابْتِغَاءَ الْفِتْنَةِ وَابْتِغَاءَ تَأْوِيلِهِ وَمَا يَعْلَمُ تَأْوِيلَهُ إِلَّا اللَّهُ وَالرَّاسِخُونَ فِي الْعِلْمِ يَقُولُونَ آَمَنَّا بِهِ كُلٌّ مِنْ عِنْدِ رَبِّنَا وَمَا يَذَّكَّرُ إِلَّا أُولُو الْأَلْبَابِ.
“Er ist es, Der dir dieses Buch herabgesandt hat. Ein Teil seiner Verse sind muhkem (= eindeutig festgelegt). Sie sind der Kern des Buches. Die anderen wiederum sind müteşâbih (= gleichartig). Diejenigen, die Krummes in sich haben, folgen den müteşâbih Versen mit der Absicht, Zwietracht herbeizuführen und diese Verse nach ihren eigenen Zielen zu deuten (tevîl). Dabei kennt niemand außer Allah ihre Deutung. Diejenigen, die sicheres Wissen besitzen, sagen: ‘Wir glauben daran. Alles ist von unserem Herrn.’ Nur diejenigen, die so denken, sind rein im Inneren.” (Âl-i Imrân 3/7)
Wie in den oben genannten drei Hinsichten ist auch in dieser Vers tevîl nicht auf das Hauptelement, sondern auf die Deutung bezogen. “… Dabei kennt niemand außer Allah ihre Deutung”, wurde hier gesagt. Da Allah der Erhabene es ist, Der eine Beziehung zwischen den Versen herstellt und diese miteinander verbindet, hat Er auch ihre Deutung vorgenommen. Er hat diese Verse mit einer Ähnlichkeit versehen, damit wir die Zusammenhänge nachvollziehen und ihre Deutung finden können. Eine Deutung, an die man gelangt, ohne auf die Beziehung zu schauen, mit der Allah die Verse versehen hat, kann nicht die Deutung Allahs sein. Wer Derartiges tut, wird vom Weg abkommen. Denn dieses Verhalten erfordert es, die Verse aus ihren Zusammenhängen zu reißen und manche Verse nicht zu beachten. Dies ist der kürzeste Weg, um die Menschen vom Weg abzubringen, indem die Religion dazu missbraucht wird. Allah der Erhabene sagt:
إِنَّ الَّذِينَ يَكْتُمُونَ مَا أَنْزَلْنَا مِنَ الْبَيِّنَاتِ وَالْهُدَى مِنْ بَعْدِ مَا بَيَّنَّاهُ لِلنَّاسِ فِي الْكِتَابِ أُولَئِكَ يَلْعَنُهُمُ اللَّهُ وَيَلْعَنُهُمُ اللَّاعِنُونَ. إِلَّا الَّذِينَ تَابُوا وَأَصْلَحُوا وَبَيَّنُوا فَأُولَئِكَ أَتُوبُ عَلَيْهِمْ وَأَنَا التَّوَّابُ الرَّحِيمُ.
“Obwohl Wir den Menschen die erläuternden Verse, die Wir herabgesandt haben, und den Hauptweg in diesem Buch dargelegt haben, gibt es doch diejenigen, die sie verheimlichen, genau diese verflucht Allah. Auch diejenigen verfluchen sie, die verfluchen werden.
Anders steht es um diejenigen, die Reue zeigen und sich verbessern und sie darlegen. Ich nehme ihre Reue an. Ich nehme Reuen an, Meine Gaben sind großzügig.” (al-Bakara 2/159-160)
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Hinsichtlich einer Deutung gibt es ein Hauptthema und eine Darlegung dessen. Das Hauptthema bei den Ereignissen um Hızır ist der Hintergrund der Geschehnisse, den Musa (Friede sei mit ihm) nicht kennt. Die Ereignisse hingegen, die er sieht, sind die Darlegung dessen. Auch der Traum des Herrschers war die Darlegung dessen, was in der Zukunft passieren würde. Seine Männer hatten den Traum nicht deuten können, da sie keinen Bezug zwischen dem Traum und den Ereignissen herstellen konnten. Jedes irdische Ereignis hat einen Bezug zum Jenseits. Diese sind die Botschafter dessen, was einem im Jenseits widerfahren wird.
Tevîl bedeutet also, ausgehend von einer Ähnlichkeit das Hauptelement und das klärende Element zu finden und damit an die Erklärung zu gelangen. Auch für die Deutung der Verse ist es notwendig, von der Ähnlichkeit ausgehend dem Hauptvers (muhkem = eindeutig festgeleg) und die klärenden (müteşâbih = gleichartigen) Verse zu finden. Dieser Ansatz wird uns zu der Erklärung der Koranverse führen.
Da die Gelehrten müteşâbih als “ein Vers, zu deren Erfassung der Verstand nicht ausreicht”[37] bezeichnet haben, waren sie gezwungen, dem Wort “tevîl” eine andere Bedeutung zu versehen, so dass es ihnen Schwierigkeiten bereitete, folgenden Abschnitt in Âl-i Imrân 3/7 zu verstehen:
وَمَا يَعْلَمُ تَأْوِيلَهُ إِلاَّ اللّهُ وَالرَّاسِخُونَ فِي الْعِلْمِ يَقُولُونَ آمَنَّا بِهِ كُلٌّ مِّنْ عِندِ رَبِّنَا.
Die als “Allgemeinheit” bezeichnete Mehrheit hat dies wie folgt verstanden: “Niemand außer Allah kennt ihre Deutung. Diejenigen, die sicheres Wissen besitzen, sagen: ‘Wir glauben daran. Alles ist von unserem Herrn.’” Nach deren Ansicht kann kein Gelehrter die Bedeutung des müteşâbih Verses kennen, da Allah diese Verse nur für Sein Eigenes Wissen vorgesehen hat.
Die Gelehrten, die in der Minderheit geblieben sind, haben diese Verse folgendermaßen verstanden: “Niemand außer Allah und denjenigen, die sicheres Wissen besitzen, kennt ihre Deutung. Sie sagen: ‘Wir glauben daran. Alles ist von unserem Herrn.’” Nach Ansicht dieser Gelehrten kennen diejenigen, die sicheres Wissen besitzen, die müteşâbih Verse.[38] Wie sie an diese Kenntnis gelangen werden, steckt in der Bedeutung, nach der der Begriff tevîl verstanden wird.
Nach Imam Maturidî bedeutet tevîl: Ohne dass eine Gewissheit gegeben ist und ohne dass Allah als Zeuge herangezogen wird, eine der wahrscheinlichen Bedeutugen des Begriffs zu bevorzugen.[39]
Nach Muhammed Ebû Zehra bedeutet tevîl: “Den Begriff von seiner offensichtlichen Bedeutung in eine andere nicht sichtbare Bedeutung zu übertragen.”[40]
Laut Zekiyyüddin Şa’ban bedeutet tevîl: “Dass es verhindert wird, dass der Begriff in seiner sichtbaren Bedeutung verstanden wird, und dass bestimmt wird, aufgrund eines Belegs eine andere nicht sichtbare Bedeutung zu meinen.”[41]
Nach diesen Definitionen bedeutet tevîl, ein Wort aus seiner offensichtlichen Bedeutung herauszunehmen und es in seine nicht sichtbare Bedeutung zu übertragen. Wenn von nicht sichtbarer Bedeutung die Rede ist, kommt es zu einer Kette von Ungewissheiten. Es ist offensichtlich, dass das tevîl-Verständnis des Gelehrtentums nicht auf wahren Argumenten gründet.
Allah, der Erhabene, verkündet:
لَقَدْ كَانَ لَكُمْ فِي رَسُولِ اللَّهِ أُسْوَةٌ حَسَنَةٌ لِمَنْ كَانَ يَرْجُو اللَّهَ وَالْيَوْمَ الْآَخِرَ وَذَكَرَ اللَّهَ كَثِيرًا.
„Für Euch; für alle, die an Allah und an den jenseitigen Tag Hoffnung hegen und Allahs viel gedenken (Allahs Buch oft lesen) gibt es im Gesandten Allahs ein schönes Vorbild.” (Ahzab 33/21)
Es gibt keinen Zweifel, dass der Gesandte Allahs sehr genau die Verbindung der einzelnen Koranverse zueinander weiß und sie dementsprechend ausführt. Gelehrte können bei der Verbindungsherstellung Fehler machen. Aber, da die Feststellungen des Gesandten Allahs und seine Ausführungen unter Aufsicht sind, vertraut man ihm hundertprozentig .
Allah, der Erhabene, verkündet:
وَلَوْ تَقَوَّلَ عَلَيْنَا بَعْضَ الْأَقَاوِيلِ. لَأَخَذْنَا مِنْهُ بِالْيَمِينِ. ثُمَّ لَقَطَعْنَا مِنْهُ الْوَتِينَ. فَمَا مِنكُم مِّنْ أَحَدٍ عَنْهُ حَاجِزِينَ.
„Hätte dieser Gesandte entgegen uns einige Worte erdichtet, gewiss hätten wir ihn bei seiner stärksten Stelle gefasst, danach haetten wir ihm seine Hauptschlagader durchgerissen, so hätte von euch niemand dem sich entgegen setzen können.” (Hâkka 69/44-47 )
يَا أَيُّهَا الرَّسُولُ بَلِّغْ مَا أُنْزِلَ إِلَيْكَ مِنْ رَبِّكَ وَإِنْ لَمْ تَفْعَلْ فَمَا بَلَّغْتَ رِسَالَتَهُ وَاللَّهُ يَعْصِمُكَ مِنَ النَّاسِ إِنَّ اللَّهَ لَا يَهْدِي الْقَوْمَ الْكَافِرِينَ.
„Gesandter! Verkünde alles, was dir von deinem HERRN hinabgesandt wurde, solltest du dies nicht tun, führst du seine Gesandtschaft nicht aus. Allah schützt dich vor den Menschen. Allah leitet die Wahrheitsbedecker nicht auf den rechten Weg.” (Mâide 5/6 7 )
Das Verkünden hat auch die Bedeutung, den Auftrag lückenlos auszuführen. Sowohl die Verkündung der hinabgesandten Koranverse an die Menschen durch den Gesandten Allahs als auch das Ausführen der Koranverse ist eine Verkündung. Er beendete jeden Abschnitt seiner Abschiedspredigt mit dem Ausruf „gebt acht, habe ich es verkündet?”, welchen er dann noch dreimal wiederholte. Die, die zugehört hatten, antworteten: „Ja, du hast es verkündet.”
Es mag vorkommen, dass nicht sofort zu erschließen ist, welche Handlungsweise des Propheten mit welchem Koranvers in Verbindung steht. Es gibt viele Aussagen des Propheten, die beiseite gelegt wurden, da sie dem Kur’an widrig oder ihre Aussagen in sich selbst unstimmig schienen. Bestimmt man aber die Koranverse, mit der sie in Verbindung stehen, löst sich die Unstimmigkeit auf. Dazu kann man die Aussage des Propheten bezüglich des „Vorkaufsrechts” (Schufa) als Beispiel angeben.
Nach der Überlieferung Cabir bin Abdullahs gab der Gesandte Allahs bei allem, was nicht verteilt wurde, Vorkaufsrecht. Nachdem die Grenzen markiert und die Wege getrennt sind, ist kein Vorkaufsrecht möglich.
Das Vorkaufsrecht (Schufa) wird folgendermaßen beschrieben: Wie viel eine gekaufte Immobilie den Kunden auch gekostet haben mag, mit diesem Wert wird es in Eigentum genommen. Beispielsweise, wenn einer von zwei Teilhabern eines Grundstückes seinen Anteil verkauft ohne den anderen zu fragen und der andere gegen diesen Verkauf ist, kann er den urspünglichen Kaufpreis bezahlen und diesen Anteil dem Kunden wegnehmen. Jedoch ist der Kunde nun der neue Besitzer geworden, ihm den Anteil gewaltsam wegzunehmen würde dieser Aya widersprechen:
يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آَمَنُوا لَا تَأْكُلُوا أَمْوَالَكُمْ بَيْنَكُمْ بِالْبَاطِلِ إِلَّا أَنْ تَكُونَ تِجَارَةً عَنْ تَرَاضٍ مِنْكُمْ.
“Ihr, die den Iman verinnerlicht habt (Ihr Gläubigen), eignet euch nicht unrechtens Vermögen von euch an; habt ihr euch aber untereinander geeinigt, so ist die Aneignung rechtens.” (Nisa 4/29 )
Da der Gesandte Allahs nicht dem Kur’an zuwider handeln würde, könnte das Vorkaufsrecht eine Ausnahme sein. Denn Allah, der Erhabene, verkündet:
وَقَدْ فَصَّلَ لَكُم مَّا حَرَّمَ عَلَيْكُمْ إِلاَّ مَا اضْطُرِرْتُمْ إِلَيْهِ.
„Allah hat euch deutlich vorgetragen, was er euch verboten hat – es sei denn, ihr seid in einer Zwangslage.”(En’am 6/119)
Das bedeutet, für denjenigen, der sich in einer Notlage befindet, kann es eine andere Ausführung geben. Einen Anteil der Immobilie an einen anderen zu verkaufen, kann den anderen Teilhaber in Bedrängnis bringen. Das Vorkaufsrecht ist ein Weg diesem Abhilfe zu leisten. Der Käufer dieser Immobilie mit der Kenntnis dieses Rechts muss dann auch die Konsequenzen tragen. Die Handlungsweise unseres Propheten, die sich auf das Vorkaufsrecht bezieht, wäre dann die Ausführung dieses Koranverses.
Die Handlungsweise des Propheten folgt dem Kur’an. Sie ist keine vom Kur’an unabhängige Rechtsquelle.
Allah, der Erhabene, verkündet seinem Gesandten:
إِنْ أَتَّبِعُ إِلَّا مَا يُوحَى إِلَيَّ إِنِّي أَخَافُ إِنْ عَصَيْتُ رَبِّي عَذَابَ يَوْمٍ عَظِيمٍ.
„Sag: Ich folge nur dem, was mir offenbart wurde. Sollte ich meinem HERRN widersprechen, fürchte ich die Peinigung eines gewaltigen Tages.” (Yunus 10/15)
اتَّبِعْ مَا أُوحِيَ إِلَيْكَ مِنْ رَبِّكَ لَا إِلَهَ إِلَّا هُوَ وَأَعْرِضْ عَنِ الْمُشْرِكِينَ.
„Folge dem, was dir an Offenbarung von deinem HERRN zuteil wurde. Es gibt keinen Gott außer ihm. Und wende dich weg von denen die Teilhaberschaft betrreiben.” (En’am 6/106)
Da die Handlungsweise des Propheten dem Kur’an folgt, sollte man sie nicht getrennt vom Kur’an bewerten. Der Kur’an vorneweg, die Handlungsweise des Propheten gleich dahinter, sollten alle Themen in einer Einheit von Kur’an und Handlungsweise unseres Propheten behandelt werden. Dann kommt nämlich heraus, dass Aussagen und Ausführungen unseres Propheten, die den allgemeinen Regeln zu widersprechen oder unstimmig scheinen, sich auf andere Bereiche beziehen. Bei dem Thema „Handlungsweise des Propheten“ sollte man nicht voreilig handeln, der betreffende Koranvers sollte unbedingt gefunden werden. Diese Methode erfüllt dann auch die Funktion eines Schutzschildes. Als Beispiel sehe man sich auch die Erläuterungen zu den Themen Vormundschaft in der Eheschließung und Zinsen an.
Der Koran anerkennt die früheren göttlichen Bücher. Allah der Erhabene sagt:
نَزَّلَ عَلَيْكَ الْكِتَابَ بِالْحَقِّ مُصَدِّقًا لِمَا بَيْنَ يَدَيْهِ وَأَنْزَلَ التَّوْرَاةَ وَالْإِنْجِيلَ. مِنْ قَبْلُ هُدًى لِلنَّاسِ وَأَنْزَلَ الْفُرْقَانَ إِنَّ الَّذِينَ كَفَرُوا بِآَيَاتِ اللَّهِ لَهُمْ عَذَابٌ شَدِيدٌ وَاللَّهُ عَزِيزٌ ذُو انْتِقَامٍ.
“Allah hat dir dieses Buch als ein solches Buch herabgesandt, das Wahrheiten beinhaltet und das seine Vorherigen anerkennt. Er hat die Thora und das Evangelium herabgesandt.
Diese waren früher eine Rechtleitung für die Menschen. Allah hat stets Bücher herabgesandt, die das Richtige vom Falschen trennen. Diejenigen, die Allahs Ayat (Zeichen) ignorieren… Genau für diese gibt es eine harte Strafe. Allah ist mächtig, Er bestraft angemessen.”[42] (Âl-i Imrân 3/3-4)
Vom ersten bis zum letzten Propheten gibt es in der Offenbarung eine Ganzheit. Ein Großteil der Verse des Korans ist gleichwertig mit dem, was Noah, Abraham, Moses und Jesus offenbart worden ist. Allah der Erhabene sagt:
شَرَعَ لَكُمْ مِنَ الدِّينِ مَا وَصَّى بِهِ نُوحًا وَالَّذِي أَوْحَيْنَا إِلَيْكَ وَمَا وَصَّيْنَا بِهِ إِبْرَاهِيمَ وَمُوسَى وَعِيسَى أَنْ أَقِيمُوا الدِّينَ وَلَا تَتَفَرَّقُوا فِيهِ كَبُرَ عَلَى الْمُشْرِكِينَ مَا تَدْعُوهُمْ إِلَيْهِ اللَّهُ يَجْتَبِي إِلَيْهِ مَنْ يَشَاءُ وَيَهْدِي إِلَيْهِ مَنْ يُنِيبُ.
“Allah hat für euch das zur Vorschrift dieser Religion gemacht, was Er Noah vorschrieb. Was Wir dir offenbaren, was Wir Abraham, Moses und Jesus anbefohlen haben, ist Folgendes: Haltet die Religion aufrecht und spaltet euch diesbezüglich nicht. Das, wozu du aufgerufen hast, kam den Muschrik[43] schwer vor. Allah nimmt denjenigen auf Seine Seite, der will, und leitet denjenigen zu Sich, der sich dem Rechten zuwendet.” (asch-Schûrâ 42/13)
Und ein Teil des Korans setzt sich aus Ayat zusammen, die nur dem Propheten Muhammed offenbart worden sind und die erleichternde Gebote beinhalten. Allah der Erhabene sagt:
مَا نَنْسَخْ مِنْ آَيَةٍ أَوْ نُنْسِهَا نَأْتِ بِخَيْرٍ مِنْهَا أَوْ مِثْلِهَا أَلَمْ تَعْلَمْ أَنَّ اللَّهَ عَلَى كُلِّ شَيْءٍ قَدِيرٌ.
“Wenn Wir ein Vers ersetzen oder in Vergessenheit geraten lassen, dann ersetzen Wir diese entweder durch einen besseren oder durch einen gleichwertigen Vers. Weißt du denn nicht, dass Allahs Macht allumfassend ist.” (al-Bakara 2/106)
Der Koran hat die vorherigen Bücher ersetzt. Denn “nesih = Ersetzung” hat die Bedeutung, etwas mit etwas anderem auszutauschen, es durch etwas anderes zu ersetzen.[44] Der Koran ist die letzte durch Allah zugelassene Ausgabe der göttlichen Bücher. Dem Koran zu folgen bedeutet gleichzeitig, der Thora, dem Evangelium und allen anderen Büchern zu folgen, die je den Propheten herabgesandt worden sind. Allah der Erhabene sagt:
الَّذِينَ يَتَّبِعُونَ الرَّسُولَ النَّبِيَّ الْأُمِّيَّ الَّذِي يَجِدُونَهُ مَكْتُوبًا عِنْدَهُمْ فِي التَّوْرَاةِ وَالْإِنْجِيلِ يَأْمُرُهُمْ بِالْمَعْرُوفِ وَيَنْهَاهُمْ عَنِ الْمُنْكَرِ وَيُحِلُّ لَهُمُ الطَّيِّبَاتِ وَيُحَرِّمُ عَلَيْهِمُ الْخَبَائِثَ وَيَضَعُ عَنْهُمْ إِصْرَهُمْ وَالْأَغْلَالَ الَّتِي كَانَتْ عَلَيْهِمْ فَالَّذِينَ آَمَنُوا بِهِ وَعَزَّرُوهُ وَنَصَرُوهُ وَاتَّبَعُوا النُّورَ الَّذِي أُنْزِلَ مَعَهُ أُولَئِكَ هُمُ الْمُفْلِحُونَ.
“Diejenigen, die dem Propheten folgen, der des Lesens und Schreibens unkundig ist und über den sie bei sich in der Thora und dem Evangelium geschrieben finden; genau diesen gebietet jener Prophet das Gute und verbietet ihnen das Schlechte. Er erlaubt die guten Dinge und verbietet die schmutzigen Dinge. Er nimmt ihnen die schweren Lasten und die eisernen Fesseln von den Schultern ab und wirft sie weg. Wer ihm glaubt, ihn respektvoll unterstützt, ihm hilft und jenem Licht folgt, das mit ihm entsandt worden ist, genau diese werden an das Erhoffte gelangen.” (al-A’raf 7/157)
Die früheren Bücher tragen dazu bei, die Leute der Schrift näher kennenzulernen, und leiten die Beziehungen zu ihnen an. Allah der Erhabene sagt:
قُلْ يَا أَهْلَ الْكِتَابِ تَعَالَوْا إِلَى كَلِمَةٍ سَوَاءٍ بَيْنَنَا وَبَيْنَكُمْ أَلَّا نَعْبُدَ إِلَّا اللَّهَ وَلَا نُشْرِكَ بِهِ شَيْئًا وَلَا يَتَّخِذَ بَعْضُنَا بَعْضًا أَرْبَابًا مِنْ دُونِ اللَّهِ فَإِنْ تَوَلَّوْا فَقُولُوا اشْهَدُوا بِأَنَّا مُسْلِمُونَ.
“Sprich: ‘O Leute der Schrift! Kommt her zu einem zwischen uns und euch gleich gestellten Wort; lasst uns niemandem dienen außer Allah. Lasst uns Ihm nichts als Partner beigesellen. Niemand unter uns soll einen anderen zwischen sich und Allah zum Herrn nehmen.’ Wenn sie sich abwenden, dann sagt: ‘Bezeugt, dass wir Ihm ergeben sind.’” (Âl-i Imrân 3/64)
Aus den früheren göttlichen Büchern können wir Informationen über frühere Völker entnehmen. Allah der Erhabene sagt:
مَا آَمَنَتْ قَبْلَهُمْ مِنْ قَرْيَةٍ أَهْلَكْنَاهَا أَفَهُمْ يُؤْمِنُونَ. وَمَا أَرْسَلْنَا قَبْلَكَ إِلَّا رِجَالًا نُوحِي إِلَيْهِمْ فَاسْأَلُوا أَهْلَ الذِّكْرِ إِنْ كُنْتُمْ لَا تَعْلَمُونَ.
“Die Bevölkerungen der Städte, die Wir vor ihnen vernichtet haben, hatten nicht geglaubt. Sollen diese jetzt etwa glauben?
Wir haben vor dir keine Gesandten außer den Männern geschickt, denen Wir offenbart haben. Wenn ihr es nicht wisst, dann fragt die Leute, die jene Bücher kennen.” (al-Anbiya 21/6-7)
Die Thora ist umfangreicher als der Koran. Manche Themen, die im Koran kurz gefasst sind, nehmen in der Thora einen breiten Platz ein. Indem man hiervon profitiert, könnten entsprechende Verse erläutert werden. So wurde laut der Thora in der ersten jüdischen Gesellschaft ein Stier angebetet, der Apis benannt wurde. Und in der Sure al-Bakara wird verkündet, dass den Juden geboten wurde, ein Stier zu schlachten, und dass sie nach Ausreden gesucht haben, um dies nicht zu tun.[45] Wenn man diese beiden Informationen verbindet, wird es möglich, sie zu verstehen. Es wird auch verständlich, warum sie die Abwesenheit Musas (Friede sei mit ihm) als Gelegenheit gesehen und eine Kalbsstatue angefertigt und angebetet haben.[46] Hiervon ausgehend wird auch der Grund verständlich, warum das Ausblutenlassen des Opfertieres beim Opferfest eine Voraussetzung ist.
Dem kann folgender Vers als Beispiel dienen:
وَإِذْ أَخَذْنَا مِيثَاقَكُمْ وَرَفَعْنَا فَوْقَكُمُ الطُّورَ خُذُوا مَا آَتَيْنَاكُمْ بِقُوَّةٍ وَاسْمَعُوا قَالُوا سَمِعْنَا وَعَصَيْنَا وَأُشْرِبُوا فِي قُلُوبِهِمُ الْعِجْلَ بِكُفْرِهِمْ قُلْ بِئْسَمَا يَأْمُرُكُمْ بِهِ إِيمَانُكُمْ إِنْ كُنْتُمْ مُؤْمِنِينَ.
“Einmal hatten Wir ein klares Wort von euch bekommen. Und den Berg hatten Wir über euch emporgehoben. Wir hatten gesagt: ‘Haltet gut fest an dem, was Wir euch gegeben haben; hört!’ Ihr hattet gesagt: ‘Wir haben gehört und gut festgehalten.’ Aufgrund eurer Ignoranz wart ihr jedoch von der Liebe zum Kalb durchdrungen. Sprich: ‘Was für einen schlechten Befehl erteilt euch euer Glaube!.. Falls ihr gläubig seid.” (al-Bakara 2/93)
Der Satz, der hier als “wir haben gehört und festgehalten” übersetzt wurde, lautet im Original: “سمعنا و عصينا = semi’nâ ve asaynâ”. In allen Koranauslegungen und -übersetzungen wurde dieser Satz in der Bedeutung “wir haben gehört und abgelehnt” übersetzt. Da jemand, der “ich habe abgelehnt” sagt, kein Versprechen abgegeben haben kann, haben die Korandeuter diesen Vers nicht erklären können. Aus den Informationen aus der Thora folgt, dass der hier verwendete Begriff “عصينا = asaynâ” als “wir haben festgehalten” verstanden werden muss. Dies entspricht auch einer der Bedeutungen dieses Begriffs im Wörterbuch. Weitere Ausführungen hierzu finden sich im Kapitel “Festhalten und Ablehnen”.
Der wichtigste Aspekt hinsichtlich der Verwertung der früheren göttlichen Bücher besteht darin zu erkennen, wie der Koran sie bestätigt. Hierdurch könnten die von Menschen in diese Bücher eingefügten Worte ausgesondert werden.
Allah der Erhabene sagt:
وَمَا أَرْسَلْنَا مِنْ رَسُولٍ إِلَّا بِلِسَانِ قَوْمِهِ لِيُبَيِّنَ لَهُمْ فَيُضِلُّ اللَّهُ مَنْ يَشَاءُ وَيَهْدِي مَنْ يَشَاءُ وَهُوَ الْعَزِيزُ الْحَكِيمُ.
“Wir haben jeden Gesandten in der Sprache seines Volkes entsandt, damit er ihnen eingend darlegt. Danach lässt Allah auf dem Irrweg, wer darauf beharrt, und leitet recht, wer darauf beharrt. Er ist der Mächtige und Er fällt die richtigen Entscheidungen.” (Ibrahim 14/4)
وَإِنَّهُ لَتَنْزِيلُ رَبِّ الْعَالَمِينَ. نَزَلَ بِهِ الرُّوحُ الْأَمِينُ. عَلَى قَلْبِكَ لِتَكُونَ مِنَ الْمُنْذِرِينَ. بِلِسَانٍ عَرَبِيٍّ مُبِينٍ.
“Der Koran ist wahrlich durch den Herrn der Geschöpfe herabgesandt worden. Der zuverlässige Geist, Cebrail, hat ihn überbracht. In dein Herz… Damit du einer von den Ermahnern wirst. Klar und deutlich in der arabischen Sprache.” (asch-Schuarâ 26/192-195)
Da der Koran auf Arabisch ist, ist die Wichtigkeit dieser Sprache in Bezug auf das Verständnis des Korans offensichtlich. Jedoch lassen sich heute in vielen Korandeutungen und -übersetzungen dem arabischen Sprachgebrauch widersprechende Anwendungen vorfinden. Der Vers Ibrahim 14/4 kann hierzu als Beispiel herangezogen werden. Alle Korandeutungen und -übersetzungen, die wir finden konnten, haben diesen Vers in folgender Bedeutung wiedergegeben:
“Wir haben jeden Gesandten in der Sprache seines Volkes entsandt, damit er ihnen eingehend darlegt. Danach lässt Allah auf dem Irrweg, wen Er will, und leitet recht, wen Er will. Er ist der Mächtige und Er fällt die richtigen Entscheidungen.” (Ibrahim 14/4)
Warum sollte Allah Gesandte schicken, wenn Er rechtleiten und irregehen lassen wird, wen Er will? Welche Bedeutung hätte es dann, dass der Gesandte in der Sprache des Volkes Aufklärung betreibt? Wie kann eine solch unsinnige Tat von Allah, “Der die richtigen Entscheidungen fällt”, erwartet werden? Wie können Aussagen, die immense Widersprüche in sich tragen, als Allahs Worte angenommen werden?
Die Unvereinbarkeit ist dadurch entstanden, dass das Verb „يَشَاء = will“ im Widerspruch zu den arabischen Sprachregeln auf Allah bezogen worden ist. Dabei weist das Pronomen auf das daneben stehende Wort „مَن = wer“. Um auf etwas zu weisen, das entfernter liegt, wird ein Nebenumstand benötigt. Ein solcher Nebenumstand liegt hier nicht vor. Die richtige Bedeutung des Verseslautet: “… Danach lässt Allah auf dem Irrweg, wer darauf beharrt, und leitet recht, wer darauf beharrt…” Mit dieser Bedeutung passt alles wieder gut zusammen. Ansonsten führt ein Fehler zum nächsten, so dass eine Kette von Fehlern entsteht. Derartiges ist vielfach in den Korandeutungen und -übersetzungen vorzufinden.
E. DIE BEZIEHUNG ZWISCHEN DEM KORAN UND DER SCHÖPFUNGSORDNUNG
Alle Geschöpfe haben eine bestimmte Struktur. Die Prinzipien und Gesetze, die den Menschen, das Tier und die Pflanze bilden, entwickeln und ändern, deuten auf diese Struktur hin. Dies wird als “Fitra” bezeichnet. Auch die Gesetze und Regeln der Wissenschaft, der Technologie und der zwischenmenschlichen Beziehungen werden hieraus geschöpft.
Die Religion hingegen strukturiert die Beziehungen zwischen Allah und den Menschen, zwischen den Menschen untereinander und zwischen den Menschen und der Natur. Auch die Prinzipien, Gesetze und Gebote der Religion werden als “Fitra” bezeichnet. Allah der Erhabene sagt:
فَأَقِمْ وَجْهَكَ لِلدِّينِ حَنِيفًا فِطْرَةَ اللَّهِ الَّتِي فَطَرَ النَّاسَ عَلَيْهَا لَا تَبْدِيلَ لِخَلْقِ اللَّهِ ذَلِكَ الدِّينُ الْقَيِّمُ وَلَكِنَّ أَكْثَرَ النَّاسِ لَا يَعْلَمُونَ.
“Wende du dein Gesicht geradewegs zu dieser Religion, zur ‘Fitra’ (‘Schöpfungsordnung’) Allahs. Er hat die Menschen danach erschaffen. Es gibt nichts, das den Platz von Allahs Geschaffenem einnehmen könnte. Siehe, die wahre Religion ist diese Religion. Aber die meisten Menschen wissen das nicht.“ (ar-Rum 30/30)
Die Kenntnisse über Fitra können aus den Zeichen (=Ayat) bezogen werden. Die Zeichen sind nicht beschränkt auf das Buch Allahs in Form von Versen; vielmehr bezeichnet Zeichen alles, was Allah erschaffen hat.[47] Allah der Erhabene sagt:
سَنُرِيهِمْ آَيَاتِنَا فِي الْآَفَاقِ وَفِي أَنْفُسِهِمْ حَتَّى يَتَبَيَّنَ لَهُمْ أَنَّهُ الْحَقُّ أَوَلَمْ يَكْفِ بِرَبِّكَ أَنَّهُ عَلَى كُلِّ شَيْءٍ شَهِيدٌ.
“Wir werden ihnen Unsere Zeichen (Aya) sowohl in ihrer Umwelt als auch in ihnen selbst zeigen, am Ende wird ihnen klar werden, dass dies die Wahrheit ist.” (Fussilat 41/53)
Der Mensch sieht diese Zeichen ständig, er denkt darüber nach und folgert daraus gewisse Schlüsse für sich. Auf diese Weise entstehen universale Werte und das gemeinschaftliche Verständnis. Solange der Mensch lebt, eignet er sich fortwährend dieses Wissen an. Diese Wissensaneignung wird als “Zikir” bezeichnet. “Zikir” bedeutet auch, dieses Wissen zu verinnerlichen und auszudrücken.[48] Bezogen auf den Mensch bedeutet Zikir inneres, unzweifelhaftes universelles Wissen.
Zwischen diesem Wissen und dem Buch Allahs herrscht eine vollkommene Eintracht. Die gemeinsame Bezeichnung aller göttlichen Bücher lautet ebenfalls “Zikir”.[49] In Bezug auf den Koran sagt Allah der Erhabene:
إِنَّا نَحْنُ نَزَّلْنَا الذِّكْرَ وَإِنَّا لَهُ لَحَافِظُون
“Wir haben jenes ‘Zikir’ herabgesandt. Was auch passiert, Wir sind es auch, Die es bewahren werden.” (al-Hidschr 15/9)
Daher erkennt jeder Mensch, der den Koran liest und versteht, die große Eintracht zwischen dem Zikir in sich und dem im Koran und entwickelt gegenüber dem Koran das Gefühl vollkommener Verlässlichkeit und Zufriedenheit. Er legt alle Zweifel ab, dass es sich hinsichtlich des Korans um das Buch Allahs handelt. Allah der Erhabene sagt:
الَّذِينَ آَمَنُوا وَتَطْمَئِنُّ قُلُوبُهُمْ بِذِكْرِ اللَّهِ أَلَا بِذِكْرِ اللَّهِ تَطْمَئِنُّ الْقُلُوبُ.
“Ihr sollt wissen, dass die Herzen durch das ‘Zikir’ Allahs Ruhe finden.” (ar-Ra’d 13/28)
Der Mensch gelangt in dem Maße an das wahre Wissen, in dem er die Zeichen Allahs in der Natur und im Koran begreift.
Die Geschöpfe außer den Menschen können der Fitra (Schöpfungsordnung) nicht zuwiderhandeln. Da Allah den Menschen hingegen mit einem Verstand, einem Willen und einer gewissen Handlungsmacht erschaffen hat, kann es durchaus sein, dass dieser im Widerspruch zur Schöpfungsordnung handelt. Diese Handlungen zerstören jedoch die Beziehungen des Menschen zu anderen Menschen, zu seiner Umwelt und zu Allah.
Was den Menschen zu Handlungen gegen die Schöpfungsordnung treibt, sind seine Interessen, Erwartungen oder Neigungen. Eigentlich fühlt er sich aufgrund solcher Haltungen und Handlungen gestört. Mit der Zeit gewöhnt er sich aber daran und beginnt sogar, Gefallen daran zu finden. Die innere Unruhe tritt hin und wieder zum Vorschein und lässt ihn unbehaglich fühlen. Allah der Erhabene sagt:
لاَ يَزَالُ بُنْيَانُهُمُ الَّذِي بَنَوْاْ رِيبَةً فِي قُلُوبِهِمْ إِلاَّ أَن تَقَطَّعَ قُلُوبُهُمْ وَاللّهُ عَلِيمٌ حَكِيمٌ
“Das Bauwerk, das sie errichtet haben, hört nicht auf, Zweifel in ihrem Inneren hervorzurufen, bis ihre Herzen in Stücke gerissen sind. Allah ist der Wissende, Er fällt die richtigen Entscheidungen.” (at-Tauba 9/110)
Sünden sind Handlungen, die der Schöpfungsordnung widerstreben. Gute Taten hingegen entsprechen der Schöpfungsordnung, fallen dem Menschen aber schwer. Ob eine Handlung richtig oder falsch ist, spürt der Mensch in erster Linie in seinem eigenen Körper. Allah der Erhabene sagt:
فَأَلْهَمَهَا فُجُورَهَا وَتَقْوَاهَا. قَدْ أَفْلَحَ مَنْ زَكَّاهَا. وَقَدْ خَابَ مَنْ دَسَّاهَا.
“Bei Dem, Der (den Seelen) ihre Sündhaftigkeit und Gottesfürchtigkeit eingibt, wer sie läutert, wird glücklich, und wer sie beschmutzt und schwärzt, wird verloren haben.” (asch-Schams 91/8-10)
Wer der Schöpfungsordnung zuwiderhandelt, wird zunächst zurückschaudern und dann entweder davon ablassen oder weitermachen. Das Zurückschaudern ist die durch Allah in die Seele eingegebene Sündhaftigkeit. Dies ist eine Warnung, und zwar die Warnung: “Du machst etwas falsch.” Nach der Sünde spürt der Mensch eine innere Unbehaglichkeit, die ihn wiederum zur Reue anregt.
Die (Gottes-)Fürchtigkeit ist ein Selbstschutz, um nicht in eine schlechte Lage zu geraten. Handlungen im Sinne der Gottesfürchtigkeit beruhigen den Menschen innerlich. Und hierbei handelt es sich um eine Eingebung durch Allah, und zwar um “die (in die Seele) eingegebene Gottesfürchtigkeit”.
Vabısa b. Mabed berichtet: “Ich ging zu Muhammad (Friede und Segen Allahs seien mit ihm); er fragte: ‘Bist du gekommen, um nach guten Taten und Sünden zu fragen?’
‘Ja’, antwortete ich.
Er brachte seine Finger zusammen, schlug auf seine Brust und sagte dreimal: ‘Befrage deine Seele, befrage dein Herz, Vabısa! Eine gute Tat ist etwas, womit die Seele und das Herz sich beruhigen. Eine Sünde hingegen ist etwas, das einen innerlich berührt und in der Brust Bedenken hervorruft. Selbst wenn dir Menschen ein Rechtsurteil erteilt haben oder wenn sie deine Handlung für richtig erachtet haben.’”[50]
Würden die Menschen statt ihrer Emotionen und kurzfristigen Interessen ihren Verstand in den Vordergrund stellen, dann würden sie nicht in eine solche Lage geraten. Denn وَيَجْعَلُ الرِّجْسَ عَلَى الَّذِينَ لَا يَعْقِلُونَ) “(Allah) legt jenen Dreck auf diejenigen, die ihren Verstand nicht gebrauchen.” (Yunus 10/100)
Die Schöpfungsordnung (Fitra) ist gleichzeitig auch die Quelle der Wissenschaft. Experten auf den Gebieten der Naturwissenschaften und der technischen Wissenschaften machen keine Gesetze, sondern versuchen die in der Natur (den Ayat) bereits existierenden Gesetze zu entdecken. Damit halten sie sich an die Fitra. Auch unter den Sozialwissenschaftlern gibt es Experten, die die Zeichen der Natur richtig gelesen und Gesetze entdeckt haben. Allerdings bevorzugen es viele, Gesetze zu machen, und maßen sich an, die Gesellschaft zu formen. Diese Haltung führt auf sozialer Ebene zu Praktiken, die der Schöpfungsordnung (Fitra) widersprechen. Mit der Zeit offenbart sich der schlechte Einfluss hiervon und das Gleichgewicht wird gestört.
Auch ist es möglich, die Erkenntnisse, die anhand der Natur- und technischen Wissenschaften gewonnen werden, entgegen der Fitra zu gebrauchen und damit den Menschen und die Umwelt zu zerstören. Demgemäß erlebt die Welt im heutigen Zeitalter eine solche Katastrophe. Allah der Erhabene hat gesagt:
ظَهَرَ الْفَسَادُ فِي الْبَرِّ وَالْبَحْرِ بِمَا كَسَبَتْ أَيْدِي النَّاسِ لِيُذِيقَهُمْ بَعْضَ الَّذِي عَمِلُوا لَعَلَّهُمْ يَرْجِعُونَ.
“Aufgrund dessen, was die Menschen eigenhändig getan haben, erschien eine Störung auf dem Festland und im Meer. Dies ist deshalb so, damit Allah sie einen Teil dessen probieren lässt, was sie getan haben. Vielleicht lassen sie davon ab.” (ar-Rum 30/41)
Nicht ein Gebot des Korans steht im Widerspruch zur Schöpfungsordnung; denn Schöpfungsordnung (Fitra) ist der Islam. Um die Fitra zu verstehen, muss man den Koran heranziehen, ebenso wie man die Fitra gebrauchen muss, um den Koran zu verstehen. Falls ein Widerspruch erscheint, liegt dies daran, dass man sich nicht im erforderlichen Maße an den Koran hält. Als Beispiel hierfür können die Ausführungen bezüglich der Ehescheidung durch einseitige Erklärung des Mannes verglichen werden.[51]
[2] Aya (Pl.: Ayat) hat linguistisch verschiedene Bedeutungen: das Wunder, das klare Zeichen, das Merkmal, die Lehre/ Lektion oder das Symbol. Zumeist wird Aya als Bezeichnung für einen Koranvers gebraucht.
[3] Yusuf 12/1; al-Hidschr 15/1; asch-Schu’ara’ 26/2; al-Qasas 28/2; ad-Duhân 44/2.
[4] Vgl. die Studie “Kreation und Wille im Koran”.
[5] Siehe Kapitel Müteşâbih und Tevîl.
[6] Dschinnen sind aus Feuer erschaffene Geschöpfe, die mit den menschlichen Sinnen normalerweise nicht wahrnehmbar sind. Sie verfügen wie Menschen über eine Urteilsfähigkeit und Entscheidungsfreiheit.
[7] El-Beydâvî, Tefsîr’ul-Beydâvî, Bd. II, S. 323.
[8] Ragıb el-İsfahânî, Müfredât, Art. قوم.
[9] رد الشيئ إلى الغاية المرادة منه Ragıb el-İsfahânî, Müfredât, Art. اول.
[10] Vgl. die Studien “Die Ehescheidung durch einseitige Erklärung des Mannes”, “Die Ermächtigung der Frau, ihre Ehe zu beenden” und “Die Prüfung der Trauung”.
[11] Vgl. die Studie “Festhalten/Auflehnung”.
[12] Vgl. die Studie “Unentschlossenheit zwischen Schirk und Iman (11.-16. Ayat der Sure al-Hadsch)”.
[13] Sunna bedeutet Brauch, gewohnte Handlungsweise oder überlieferte Norm. Sie steht im Islam für die Verfahrensweise des Propheten Muhammad, also für das, was er gesagt, getan, geduldet oder bewusst nicht getan hat. Die Grundlage für die Sunna bilden die Hadithe.
[14] Hadithe sind Berichte über richtungsweisende Aussprüche oder Taten des Propheten Muhammad.
[15] Vgl. die Studie “Zinsen”.
[16] Vgl. die Studie “Ersetzung eines Verses und die Strafe für uneheliche Geschlechtsbeziehungen”.
[17] Müfredât, Art. حكم.
[18] Lisanu’l-arab, Art. شبه; el-Halil b. Ahmed el-Ferahidi, Kitabu’l-Ayn, Art. شبه; Müfredât, Art. شبه.
[19] Muhammed Ebû Zehra, Usulü’l-fıkh, Istanbul, ohne Erscheinungsjahr, S. 134.
[20] Taberî, Tefsir, Bd. 3, S. 172 f.
[21] Ragıp el-İsfahani, Müfredât , Art. شبه.
[22] Elmalılı, Bd. II, S. 1037.
[23] Fahru’d-Din er-Razî, et-Tefsîru’l-kebîr, Bd. III, S. 138.
[24] Elmalılı, Bd. I, S. 276.
[25] Elmalılı, Bd. I, S. 383.
[26] Elmalılı, Bd. I, S. 481.
[27] Ragıp el-İsfahani, Müfredât , Art. شبه ; Fahru’d-Din er-Razi, Bd. IX, S. 446.
[28] Buhârî, Tefsir Âl-i İmrân, 1; Müslim, İlim, 1; Tirmizî, Tefsir Âl-i İmrân, (2996); Ebû Davûd, Sünne, 2.
[29] Yusuf, 12/1; al-Hidschr, 15/1; asch-Schuarâ, 26/2; al-Kasas, 28/2; ad-Duhân, 44/2.
[30] El-Beydâvî, Tefsîru’l-Beydâvî, Bd. II, S. 323.
[31] Buhârî, Tefsir, 1; Nesâî, İftitah, 26.
[32] Tirmizi, Fedâil’ul-Kur’ân, 1.
[33] Taberi, Tefsir, Bd. X, S. 628-629; Kurtubi, el-Cami’ li ahkami’l-Kur’ân, Bd. VIII, S. 162 und Bd. IV,
S. 8-14.
[34] Razi, Tefsiru’l-kebir, Bd. IX, S. 446.
[35] Ragıb el-İsfahânî, Müfredât, Art. اول.
[36] Im Koran kommt der Name Hızır nicht vor. Dass es sich bei dieser Person um Hızır handelt, steht in einer Hadith. Vgl. Buhârî, İlim (Wissen), 44.
[37] Muhammed Ebû Zehra, Usulü’l-fıkh, S. 134.
[38] En-Nesefî, Abdullah b. Ahmed b. Mahmud, Medâriku’t-tenzîl ve hakâiku’t-te’vîl, Beirut 1989, Bd. I, S. 203.
[39] Muhammed Hamdi Yazır, Hak Dini Kur’ân Dili, Mukaddime, Bd. 1, S. 28.
[40] Ebd., S. 135.
[41] Zekiyyuddin Şa’ban, İslam Hukuk İlminin Esasları, Trc. İbrahim Kâfi Dönmez, Ankara, 1990, S. 320.
[42] In dieser Vers kommt der Begriff “Vergeltung = انتقام” vor, der “mit Strafe bestrafen” bedeutet. Die Strafe muss im gleichen Maß mit der begangenen Straftat sein (an-Nahl 16/126). Daher wurde hier die Übersetzung “angemessen bestrafen” gewählt.
[43] Muschrik ist jemand, der Schirk begeht, der also einem Geschöpf eine Eigenschaft Allahs beimisst, die nur Allah besitzt, und damit dieses Geschöpf Allah gleichstellt.
[44] İbn Manzûr, Lisanu’l-arab, Art. نسخ.
[45] Vgl. Sure al-Bakara 2/67-71.
[46] Vgl. Sure al-Bakara 2/51, 54, 92 und 93.
[47] Interessierte können folgende Ayat erkunden: al-Bakara, 2/164; Âli Imrân 3/190; al-An’am 6/97, 99; al-A’raf 7/26, 58; Yunus 10/5, 6, 67, 92, 101; Yusuf 12/7, 35; ar-Ra’d 13/2, 3, 4; an-Nahl 16/13, 65, 66, 67, 68, 69, 79; al-Isrâ 17/12; al-Kahf 18/9; Maryam 19/10; Tâhâ 20/128; al-Ankabût 29/ 24, 33, 34, 35; ar-Rum 30/21, 22, 23, 24, 28; Lokman 31/31, 32; as-Sacda 32/26; Saba’ 34/15; az-Zumar 39/42, 52; al-Mumin 40/13; al-Câsiya 45/3, 4, 5, 6; az-Zariyât 51/22, 23, 35, 36, 37; al-Kamar 54/12, 13, 14, 15.
[48] Er-Ragıb el-İsfahânî (gestorben im Jahre 425 nach der Hedschra), Müfredât (Nachforschung: Safvan Adnan Dâvûdî), Damaskus und Beirut, 1412/1992 Art. ذكر.
[49] Vgl. Âl-i İmrân 3/58, al-A’raf 7/63, al-Hicr 15/6,9; an-Nahl 16/44, al-Anbiya 21/2,50,105; al-Furkân 25/18, Yasin 36/11, Sad 38/8, al-Kamar 54/25.
[50] Sünen-i Dârimî, Büyû’, 2.
[51] Vgl. die Studie “Die Ehescheidung durch einseitige Erklärung des Mannes”.
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