Ist der Koran ausreichend deutlich?
Islam und Koran > Ideenplattform Datum: 18 Ekim 2009 Tavsiye Et

Ist der Koran ausreichend deutlich?

Eines der größten gegenwärtigen Probleme in Bezug auf das Verständnis des Korans ist, dass das Vorurteil, dass nicht jeder ihn verstehen könne und es nur aufgrund der Auffassung, des Begreifens und der Vermittlung bestimmter Personen möglich sei ihn zu verstehen, in der Gesellschaft eine verbreitete und verwurzelte Ansicht ist.

Dieser Ansatz ist in der heutigen Zeit derart verbreitet und hat ein Ausmaß angenommen, das die Annäherung der Individuen an den Koran so sehr beeinflusst, dass sogar in die Herzen der Menschen, die sich mit ihrem Wissen vor anderen ausgezeichnet haben, Zweifel eindringen, ob etwas denn tatsächlich so ist.

Dabei würde nicht einmal die geradlinigste Logik annehmen, dass das mit Weisheiten gefüllte Buch, das Allah als Richtlinie zum rechten Weg gesandt hat, um zur Aufrichtigkeit zu führen, den Menschen auf den Irrweg lenken könnte.
Obwohl es möglich ist, mit vielen Koranversen[1] zu beweisen, dass der Koran ein völlig deutliches Buch ist, werden wir uns in diesem Aufsatz darauf beschränken, lediglich den Vers 159 und folgende der Sure[2] al-Baqara anzugeben. Dieser Vers legt nämlich dar, dass der oben genannte Ansatz falsch ist und dass dieser Ansatz auch bedeutet, eine sehr große Verantwortung offen auf sich zu nehmen.
„Diejenigen, die verheimlichen, was Wir tatsächlich herabgesandt haben an Belegen und dem rechten Weg, nachdem Wir diese den Menschen im Buch dargelegt haben, sie werden sowohl von Allah verflucht als auch von den Fluchenden, / nur diejenigen, die bereuen, sich bessern und die Wahrheit offenbaren, sind eine Ausnahme; ihre Reue nehme ich an. Ich bin stets der Reue-Annehmende und Erbarmende. / Diejenigen, die leugnen und in dem Zustand sterben, auf ihnen liegt der Fluch Allahs, der Engel und der Menschen allesamt. / Sie sind ewig in dem Fluch, die Strafe wird ihnen nicht erleichtert und ihre Strafe wird nicht verzögert.“ (al-Baqara 2/159-162)
Wird die eingangs genannte Aussage im Rahmen des Ansatzes „Nicht jeder sollte aus dem Buch ein islamisches Rechtsurteil ableiten“ bewertet, dann könnte dieser Ansatz harmlos oder gar berechtigt erscheinen. Allerdings führt der Schaden dieses Ansatzes aufgrund dessen, dass dies auf äußerst gefährliche Weise als eine Methode, den Koran zu verstehen, realisiert wird, zu enormeren Ergebnissen als seiner Harmlosigkeit.
Zweifelsfrei liegt der wichtigste Schaden darin, dass dem Individuum die einzige Quelle verwehrt wird, in der er vorrangig und unbedingt ihn selbst betreffende und religionsbezogene Ansätze ergründen kann. Für einen begreifenden Verstand ist dies eine derart offene Gefahr, dass sie keiner weiteren Darlegungen bedarf.
Werden mit zusätzlichen Verboten derart, dass man den Koran ohne rituelle Waschung nicht berühren dürfe, Hindernisse vor die Beziehung zwischen dem Individuum und dem Koran gestellt, so verbleibt der Platz dann vielen Deutern, die behaupten, dass sie den Koran auslegen. Sicherlich wäre es falsch zu erklären, dass diese Deuter allesamt schlechte Absichten hegen. Allerdings hat es dadurch, dass ihre Anhänger ihnen nur gefolgt sind, ohne sie mit korrektem Wissen zu befragen, mit der Zeit dazu geführt, dass viele falsche Dinge zu Gebräuchen wurden, und das war leider schon immer so.
Das Ergebnis wiederum ist offensichtlich… Gemeinschaften, die die Aussprüche vieler Deuter auswendig lernen, sehen sich im Zentrum der Mission, den Islam zu repräsentieren, ohne sich einmal zu fragen, was wohl Allah gesagt hat.
Wird ihnen aber die Fehlerhaftigkeit ihrer Auffassung oder ihrer Methoden mit KORANVERSEN deutlich gemacht, dann steht die klassische Antwort bereit…
„Du oder dein Lehrer, ihr wisst es, aber all die namhaften Persönlichkeiten haben dies nicht verstanden. Das kann gar nicht sein…“
Daraufhin werden jede Menge willkürliche Auslegungen vorgebracht. Oder es wird tödlicher Hass gegen einen gehegt und prahlerisch von den persönlichen Mängeln gesprochen. Oder aber es wird noch weiter gegangen und man wird mit einer der Strömungen in Verbindung gebracht, deren Ruf nicht allzu genehm ist, und KORANVERSE werden ignoriert…
Dies wird leider immer gemacht.
Dabei hatte der Gesandte Allahs in seiner Abschiedspilgerfahrt gesagt: „[…] Diejenigen, die sich hier befinden, sollen es denjenigen mitteilen, die nicht hier sind. Denn derjenige, der sich hier befindet, könnte dieses Wissen jemandem mitteilen, der es besser begreift als er. […]“ Zeigt denn allein diese Ermahnung nicht bereits, dass es keine Methode sein kann, in Glaubenssachen (außer dem Propheten Muhammad) nur einer Person oder Zeit treu zu bleiben?
Diejenigen, die ihren Glauben heutzutage ernst nehmen, klagen stets über Lage …
Wieso sollte es auch nicht so sein?

  • Der Koran, der aus dem Leben herausgedrängt worden ist und lediglich als ein mystisches rituelles Symbol verheiligt wird und dem nicht hineingeschaut wird, und die Methode, den Koran zu verstehen.
  • Das muslimische Individuum, dem es an der Ethik zu hinterfragen fehlt, der, obwohl er bei jeder Gelegenheit sagt: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah. Und ich bezeuge, dass Muhammad Diener und Gesandter Allahs ist“, den Koran, der ihn zum wahren Zeugen machen wird, nicht ein einziges Mal in die Hand genommen hat, um ihn zu verstehen.
  • Strömungen, die die Religion zu einer Kette der Fürsprache und zum individuellen Akt der Freude reduziert haben.
  • Gelehrte, die entweder aufgrund dessen, dass sie etwas zu verlieren haben oder dass sie den Koranversen nicht vertrauen, nicht darüber hinausgehen können, früheren Gelehrten Lobreden und kleine Erklärungen beizustellen, statt den Koran mit dem Koran zu verstehen und die Hadithe[3] mit entsprechenden Koranverse zu vereinen.
  • Das Bildungssystem, das nicht darüber hinausgehen kann, typische, passive Roboter zu erziehen; das die Wissenschaften mit dem begrenzt, was die Früheren geschrieben haben, und dem Leben den Rücken kehrt; das den vielfältigen und freien Gedanken mit verheiligten Karrieren unterdrückt und nicht durchlässt.
  • Staatsmodelle, die die Verse Allahs der Fortführung einer prunkvollen Regierung nicht vorziehen können.
  • Und als Haltung ein falsches Verständnis von Geduld und extreme Widerstandslosigkeit oder Marginalität.

Das sind die Bestände der Muslime von heute.

Die Lösung liegt aber darin, dass jedes muslimische Individuum sein Zeugnis aus dem Wörtlichen enthebt und den Koran selbst verstehend zu Wissen umwandelt. Jegliche Hindernisse vor dem Verständnis des Korans müssen aufgehoben werden. Ohne zwischen Muslimen, Heuchlern, Muschrik[4] und Ungläubigen zu unterscheiden, legen die oben angeführten Koranverse auf sehr deutliche Weise dar, dass das Aufrechterhalten der geringsten materiellen wie geistigen Häresien, die die Annäherung des Individuums an den Koran verhindern würden, ein großes Vergehen ist…

„Allah hat das Buch, dessen Ayat sich gleichen und hin und wieder wiederholen, als das schönste der Worte herabgesandt. Diejenigen, die ihren Herrn fürchten, bekommen eine Gänsehaut vor diesem Buch, dann erweichen und beruhigen sich sowohl ihre Haut als auch ihre Herzen hinsichtlich des Gedenkens Allahs. Dieses Buch ist die Richtlinie zum rechten Weg, mit dem Er denjenigen, der es wünscht, auf den rechten Weg führt. Und denjenigen, die auf dem Irrweg gehen, zeigt Allah den Weg nicht.“ (az-Zumar 39/23)
H. Mustafa Arslan


[1] Aya (Plural: Ayat) hat linguistisch verschiedene Bedeutungen: das Wunder, das klare Zeichen, das Merkmal, die Lehre/Lektion oder das Symbol. Zumeist wird Aya als Bezeichnung für einen Koranvers gebraucht.

[2] Sure ist ein Abschnitt bzw. Kapitel des Korans mit eigenständiger Überschrift. Der Koran besteht aus 114 unterschiedlich langen Suren. Jede Sure besteht aus unterschiedlich vielen Ayat.

[3] Hadithe sind Berichte über richtungweisende Aussprüche oder Taten des Propheten Muhammad.

[4] Muschrik ist jemand, der Schirk begeht, der also einigen Geschöpfen die Eigenschaften Allahs beimisst und diese Geschöpfe Allah gleichstellt.

Share on Facebook
Andere Schriften in dieser Kategorie: