Die Religion im Koran Gesellschaft & Rechte

„Selbsterkenntnis erfordert Mühe und Kraft“ – Prof. Dr. Hasan Onat

„Selbsterkenntnis erfordert Mühe und Kraft“

von Prof. Dr. Hasan Onat

 

 

Der Mensch ist ein von Gott erschaffenes einzigartiges Lebewesen, welches mit wertvollen Eigenschaften und Freiheiten ausgestattet wurde. Jeder Mensch ist in der Hinsicht einzigartig, dass individuelle Charaktereigenschaften entwickelt werden können. Dieses Bewusstsein verleiht ihm einen besonderen Status und unterscheidet ihn von seiner Umwelt und den anderen Lebewesen.

 

Der Mensch befindet sich in zwei Welten. Die äußere Welt, mehr als 13,7 Milliarden Jahre alt, auf der wir nur eine begrenzte Zeit verbringen und unsere individuelle innere Welt. Die äußere Welt mit ihren Gesetzen und Normen ermöglicht uns ein geregeltes Leben. Doch wollen wir unser Hauptaugenmerk auf die innere Welt richten, so müssen wir Folgendes verstehen:

 

Der Mensch kann in seiner eigenen inneren Welt versinken und sich darin verfangen. So wirkt der Weg hin zur Selbsttäuschung überaus verlockend. Der Koran bezeichnet diesen Vorgang als „Versiegelung“ des Herzens. Der Mensch versucht hierbei seine Handlungen als logisch und nachvollziehbar zu betrachten und zu rechtfertigen. Menschen, welche sich in diesem Zustand befinden, neigen zu Fehlentscheidungen und Verworrenheit. Um den Menschen aus diesem Zustand der Konfusion zu befreien, sandte Gott seine Botschaften an die Menschheit. Die Propheten warnten die Menschheit mithilfe dieser Botschaften. Der Koran beinhaltet zahlreiche Ratschläge und Empfehlungen. Jene, welche diese Ratschläge beherzigen, werden die Wahrheit erkennen können. Gott offenbart in diesem Zusammenhang:

 

  1. O ihr Menschen, gekommen ist zu euch in Wahrheit ein deutlicher Beweis von eurem Herrn, und Wir sandten hinab zu euch ein klares Licht.
  2. Die nun an Allah glauben und an Ihm festhalten, sie wird Er in Seine Barmherzigkeit und Gnade führen und sie den geraden Weg zu Ihm leiten.

 Sure Nisa (Die Frauen)

 

Um nicht Opfer der Verworrenheit zu werden, sollte man seinen gottgegebenen Verstand nutzen. Jeder kann verstehen, inwieweit geplante oder ausgeführte Handlungen als richtig oder falsch zu bewerten sind. Ein Beispiel hierfür finden wir im Koran. Der Prophet Abraham beseitigt die Götzen der Götzendiener und hängt seine Axt an die letzte unversehrte Figur. Am nächsten Tag wird er der von den Götzendienern zur Rede gestellt. Daraufhin stellt er klar, dass derjenige, welcher mit der Tatwaffe gefunden wird, als Täter zu identifizieren sei. Eine Vielzahl der Götzendiener versteht die Motivation Abrahams und muss sich eingestehen, dass die Götzen unbrauchbar sind. Doch diese Erkenntnis hält sie nicht davon ab Abraham des Verstoßes gegen die Tradition zu bezichtigen.

Wir sehen, dass diese Menschen den Sinn hinter der Tat verstehen, die Wahrheit jedoch verdrängen und ihren Verstand zu täuschen versuchen. Obgleich wir soziale Lebewesen sind, sollten wir versuchen unser wahres Ich zu finden und zu gestalten. Nur so können wir verhindern, dass wir inmitten der Masse versinken und an Bedeutung verlieren.

 

Der Mensch ist ein Lebewesen, welches Richtlinien braucht. Die Offenbarungen Gottes stellen die idealen Richtlinien dar. Gleichzeitig sollte der Mensch seinen Verstand nutzen, um seines Menschseins gerecht zu werden. Gleichzeitig ist der Wille des Menschen ausschlaggebend. Denn das bloße Wissen um die Richtigkeit einer Handlung setzt nicht die Vollführung dieser Handlung voraus. Falscher Stolz und Hochmut können ein Hindernis auf dem Weg zu richtigen Entscheidungen darstellen. Um diese Hindernisse zu umgehen, sollte man sich an die Ratschläge Gottes halten.

 

  1. Die aber ungläubig sind, sind in falschem Stolz und Feindseligkeit.

 Sure Sad

 

Der Mensch verfügt über den nötigen Verstand und die Kapazität, um die göttliche Botschaft zu verstehen und Hindernisse zu umgehen. Doch besonders in diesem Zeitalter fällt vielen Menschen die Selbsterkenntnis schwer. In diesem Zusammenhang möchten wir auch von Erich Fromms Perspektive berichten. Fromm ist der Meinung, dass der Vorgang der Selbstreflexion von zahlreichen Gegebenheiten der heutigen Zeit erschwert wird. Denn der moderne Mensch findet immer weniger Zeit allein zu bleiben. Zum Einen haben wir Angst, dass uns unsere Umwelt fallenlässt. Zum Anderen hält uns unsere Unentschlossenheit davon ab, in uns zu gehen und eine Konfrontation mit unserem Ich zu suchen. Stattdessen ziehen wir es vor, unnützen Handlungen nachzugehen und sogar Zeit mit unliebsamen Personen zu verbringen. Die Angst, zu erkennen, dass man sich zunehmend fremd wird ist ein allzu verbreitetes Phänomen.

Diese Angst ist ein Hemmnis und erschwert somit den Vorgang der Selbsterkenntnis. Aus diesem Grund gelingt es nicht jedem Menschen diese Barriere zu durchbrechen.

 

Die Einzigartigkeit eines jeden Menschen erfordert gleichzeitig eine individuelle Selbstreflexion. Die Zaghaftigkeit vieler Menschen stellt das größte Hindernis auf diesem Weg dar. Das größte Glück eines Menschen besteht darin, sich selbst zu kennen und zu begreifen. Dies erfordert Mut, Mühe und Kraft.

 

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