Die Rechtsschulen

Die Rechtsschulen

von Prof. Dr. Hasan Onat

 

Die Rechtsschulen im Islam unterscheiden sich in ihren Ausrichtungen in Fragen des Glaubens und den religiösen Praktiken. Somit weisen sie ein unterschiedliches Verständnis auf. Politische, historische, wirtschaftliche und geographische Gegebenheiten und Entwicklungen haben die Entstehung unterschiedlicher Rechtsschulen möglich gemacht.

 

Die  Systematisierung verschiedener Strömungen hat auch Auswirkungen auf das soziale Leben gehabt. Nach dem Tod des Propheten Muhammad haben sich unterschiedliche Meinungen zu verschiedensten Themen durchsetzen können.

 

Bei der Herausbildung der Rechtsschulen war die subjektive Sichtweise maßgebend. Nach einiger Zeit haben sich somit über tausend verschiedene Schulen herausgebildet.

 

Die Religion ist in der Geschichte der Menschheit ein nicht wegzudenkender Faktor und mindestens genauso alt wie die Menschheit selbst. Es gab keine Epoche, in der die Menschen fern von religiösen Weltanschauungen lebten. Die Religion hatte zum Ziel dem Menschen ein würdevolles und auf seine Bedürfnisse abgestimmtes Leben zu ermöglichen.

 

Der Prophet Muhammad hat die religiösen Gebote des Islam vorgelebt und fungierte somit als Vorbild. Als Muslim galt, wer an Gott, an das Prophetentum Muhammads und an die Wiederauferstehung am Jüngsten Tag glaubte. Zu Lebzeiten Muhammads existierten noch keine Rechtsschulen oder bestimmte Gruppierungen, welche eine absolute Wahrheit für sich beanspruchten. Nach dem Tod Muhammads haben sich aufgrund politischer und geographischer Veränderungen neue Strömungen und Denkweisen etabliert.

 

So gesehen sind die Rechtsschulen Interpretationen der Religion und sollten nicht als die Religion selbst verstanden werden. Das Verständnis einer Religion kann immer nur auf menschlicher Ebene geschehen. Die Religion selbst stammt von Gott und sollte niemals auf eine Stufe mit einer von Menschen entwickelten Sichtweise der Religion gleichgestellt werden. Somit sollten die Rechtsschulen als Folge subjektiver Ansichten auch empfänglich für Kritik sein.

 

Zu Lebzeiten des Propheten Muhammad hat sich die Botschaft des Islam herausgebildet. Das Wesen des Islam ist auf die menschlichen Bedürfnisse und den Verstand abgestimmt.

 

Verschiedene Rechtsschulen haben von sich behauptet, die alleinige Wahrheit beanspruchen zu können. Gleichzeitig wurden andere Denkweisen diffamiert und deren Ansprüche in Frage gestellt. Man ging sogar so weit, Hadithe zu erfinden, um andere Rechtsschulen zu kritisieren. Die Existenz von verschiedenen Rechtsschulen stellt einen Gewinn für die Menschheit dar. Doch sollte man sie als Interpretationen ansehen und nicht als die Religion selbst.

 

Solange eine Strömung den Grundprinzipien des Islam nicht wiederspricht, kann sie nicht als mit dem Islam unvereinbar erklärt werden. Der Koran ermutigt zu selbständigem Denken und regt den Menschen dazu an, seinen Verstand zu nutzen. Anstatt von wahren und falschen Rechtsschulen zu sprechen, sollte man Rechtsschulen unter dem Gesichtspunkt betrachten, inwiefern sie mit dem Koran übereinstimmen oder ihm widersprechen.

 

Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rechtsschule stellt keine Garantie für das Jenseits und die Belohnungen dar. Gleichzeitig kann sie auch keine Richtlinie dafür sein, wer als Muslim zu gelten hat. Ferner sollte man all jene als Muslime betrachten, die an die Einheit Gottes, an das Prophetentum Muhammads und die Wiederauferstehung nach dem Tod glauben.

 

Wie schon erwähnt, gab es zu Lebzeiten des Propheten noch keine Spaltungen innerhalb der Gesellschaft und den Gläubigen. Später entstanden verschiedene Strömungen wie „Sia“, „Murcia“, „Mutazila“ und „Ahlu Sunnah“. Viele Rechtsschulen sind im Verlauf der Geschichte verschwunden. Heutzutage bilden die Anhänger der „Ahlu Sunnah“ die Mehrheit unter den Muslimen.

 

Es gibt eine Vielzahl von Gründen, welche die Entstehung verschiedener Rechtsschulen begünstigten. Besonders die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen treten hierbei in den Vordergrund. Als wichtigsten Faktor kann man das Wesen des Menschen betrachten. Denn die Botschaft ist an den Menschen gerichtet, welcher diese Botschaft verstehen und verinnerlichen soll. Es ist nur natürlich, dass sich bezüglich eines Themengebiets verschiedene voneinander abweichende Meinungen bilden. Denn es liegt in der Natur des Menschen ein subjektives Verständnis zu besitzen und zu hinterfragen.

 

Auch die zunehmende Erschließung neuer Gebiete führte dazu, dass man auf bisher unbekannte Kulturen und Gesellschaftsordnungen stieß. Dies führte unverweigerlich zu Wechselbeziehungen mit den heimischen Traditionen.

 

Der Mensch besitzt ein soziales Wesen und führt ein Dasein unter seinesgleichen. Dies führt zur Herausbildung von Gruppierungen, welche sich durch gemeinsame Ansichten oder Interessen auszeichnen. Somit kann gesagt werden, dass bei der Herausbildung der Rechtsschulen ein sozialer Faktor maßgebend war. Die Gesellschaft unterliegt einem ständigen Wandel. Auch diese Dynamik sorgte für das Auftreten neuer Denkweisen.

 

Politische Faktoren waren maßgebend für die Etablierung verschiedener Rechtsschulen. Man kann diese Faktoren jedoch nur schwer von sozialen Ereignissen rennen. Denn die soziale Dynamik hat stets Einfluss auf politische und gesellschaftliche Ereignisse und Entwicklungen. Sie sind abhängig voneinander und profitieren gleichzeitig voneinander.

 

Die Botschaft enthält Ratschläge, wie ein erfülltes Leben gestaltet werden sollte. Das Universum wurde zum Nutzen des Menschen erschaffen. Somit stellt der Mensch das Höchste aller erschaffenen Wesen dar. Gott verlangt mehrmals vom Menschen seinen Verstand zu nutzen und nachzudenken.

 

Der Islam schränkt in keiner Weise das selbstständige Denken des Menschen ein sondern ermutigt ihn eigene Gedanken zu fassen. So gesehen sind verschiedene Meinungen zu verschiedenen Themen als Reichtum zu betrachten. Doch wenn sich diese Unterschiede zu Barrieren verwandeln und die Kommunikation erschweren ist ein Tiefpunkt erreicht.

 

Nachdem Uthman, ein Gefährte des Propheten, zum Befehlshaber ernannt wurde, konnten sich alte Clanstrukturen innerhalb der Gesellschaft durchsetzen. Gleichzeitig erreichte die Konkurrenz zwischen verschiedenen Clans immer ernstere Dimensionen. Den Höhepunkt dieser offenen Anfeindungen stellte der Mord an Uthman dar. Später begannen sich die Clans gegenseitig zu beschuldigen, woraufhin sich die Feindschaft weiter vertiefte.

 

Nach der Ermordung Uthmans wurde Ali neuer Befehlshaber über die Muslime. Doch auch er hatte Feinde. Darunter Muawiya, der offen gegen ihn rebellierte und ihn herausforderte. Während sich verschiedene Clans für verschiedene Seiten entschieden, gab es auch Gruppierungen, welche sich zunehmend enthielten. In Folge dessen ereigneten sich kämpferische Auseinandersetzungen. Dies sorgte für die Erhärtung der Fronten und der Entfremdung in religiösen Fragen. Jede Seite behauptete von sich die alleinige Wahrheit zu repräsentieren.

 

Auch ein anderes Koranverständnis hat dazu geführt, dass sich verschiedene Strömungen entwickelten. So existierte es seit jeher die Streitfrage, ob der Koran ein Geschöpf Gottes sei. Auch das Thema der großen Sünde war maßgebend für das unterschiedliche Verständnis der Rechtsschulen. Während manche das Begehen von großen Sünden als Austritt aus der Religion werten, argumentierten andere, dass diese Entscheidung ausschließlich Gott obliegt. Auch Passagen wie „die Hand Gottes“ oder „das Gesicht Gottes“ und die Interpretation dieser Passagen sorgten für unterschiedliche Meinungen.

 

Im Verlauf der Geschichte haben Entdeckungen, Eroberungen und Expeditionen für Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Kulturen und Traditionen geführt. Auch die Islamische Expansion hat dafür gesorgt, dass die Muslime bisher unbekannte Eigenheiten verschiedenster Kulturen kennenlernten. Diese Entwicklungen sind auch bei der Entstehung neuer Rechtsschulen von Bedeutung gewesen.

 

Verschiedene Überbleibsel aus der Zeit vor dem Islam konnten nach dem Tod des Propheten Muhammads wieder erstarken. Als besonders geeignetes Beispiel fungieren hierbei die alten Clanstrukturen der Araber. Diese Strukturen waren maßgebend für die späteren Konflikte und Feindschaften unter den Muslimen. Während man sich in Arabien an den Wiedereinzug der alten Clanstrukturen gewöhnte, waren immer stärkere Einflüsse aus Ägypten, dem Römischen Reich und Persien zu verzeichnen.

 

Menschen, die aus den aufgezählten Geographien stammten und zum Islam übertraten, brachten zwangsweise ihre heimische Kultur und Tradition mit.

 

Besonders bezüglich religiöser Inhalte und Glaubensfragen haben sich Rechtsschulen gebildet. Unbestreitbar ist, dass sich durch den im Koran gewährten Anspruch auf freies Denken verschiedene Meinungen bilden konnten. Denn Menschen die denken und hinterfragen werden unverweigerlich zu verschiedenen Einsichten kommen und versuchen diese zu verteidigen. Doch der Koran warnt gleichzeitig vor unhaltbaren Aussagen und betont, dass plausible Gründe wichtig sind. Denn auch wenn zu freiem Denken angeregt wird, soll dies nicht in unnötigen Streit münden. Ziel ist eine friedliche Koexistenz verschiedener Meinungen. Es gab und es wird immer Menschen geben, welche die eigene Sichtweise für ihre Zwecke instrumentalisieren werden.

 

Hauptmerkmale bei der Unterscheidung zwischen den verschiedenen Rechtsschulen ist die unterschiedliche Sichtweise in religiösen Belangen. So berufen sich die meisten Rechtsschulen auf den Propheten und sein Leben.

 

Der Koran enthält sowohl universelle Ratschläge an die gesamte Menschheit als auch persönliche Ratschläge an die Gläubigen. So wird empfohlen, die Gerechtigkeit stets aufleben zu lassen und sich vor wichtigen Entscheidungen nach verschiedenen Meinungen zu erkundigen.

 

Das Ziel des Koran ist der Aufbau einer Gesellschaft mit Moral und Verantwortungsbewusstsein. Der Islam lehnt jede Art von Rassismus und Überlegenheitsanspruch ab und hebt die Gleichheit der Menschen hervor. Denn laut dem Islam kann man sich nur in Fragen der Frömmigkeit miteinander messen. Somit wird deutlich gemacht, dass der Islam Clanstrukturen oder andere gesellschaftlichen Benachteiligungen nicht akzeptiert. Irdische Maßstäbe wie materieller Reichtum, Schönheit oder Ruhm können nicht über den Wert des Menschen bestimmen.

 

Der Prophet sagte: „Oh ihr Menschen, Euer Herr ist Einer. Euer (Groß-) Vater ist einer. Alle von euch gehören zu Adam. Adam wurde aus Lehm (Erde) geschaffen. Wahrlich, der ehrenhafteste unter euch aus der Sicht eures Herrn, dem Allmächtigen Allah, ist der gottesfürchtigste unter euch. Es gibt keine Überlegenheit eines Arabers über einen Nicht-Araber.“

 

„Oh ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander erkennen möget. Wahrlich, vor Allah ist von euch der Angesehenste, welcher der Gottesfürchtigste ist. Wahrlich, Allah ist Allwissend, Allkundig.“

Sure Hucurat, Vers 13

 

 

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