Die Rechtsschulen Kultur & Tradition

Islam ist nicht mit Rechtsschulen, Sekten oder Gemeinden gleichzusetzen – Prof. Dr. Hasan Onat

Islam ist nicht mit Rechtsschulen, Sekten oder Gemeinden gleichzusetzen

von  Prof. Dr. Hasan Onat

Das grundlegende Problem der Muslime ist, dass sie sich hinsichtlich der Religion in Gruppen spalten. Im Kuran heißt es:

„Und haltet euch allesamt fest am Seile Allahs; und seid nicht zwieträchtig…“ (3:103)

und der Prophet Mohammed sagte, dass ein Muslim der Bruder jedes Muslims ist. Dennoch führen unterschiedliche Auffassungen vom Islam zu Gruppierungen unter den Muslimen.
Schon vor Jahrhunderten wurden Muslime im Kuran gewarnt :

„Unter denen, die ihren Glauben spalten und in Parteien zerfallen –  jede Partei freut sich über das, was sie selbst besitzt.“ (30:32)

Trotz solcher Gebote im Kuran haben sich innerhalb von 14 Jahrhunderten hunderte, tausende Rechtsschulen, Sekten und Gemeinden gebildet, von denen viele in der Geschichte vergessen wurden und nur sehr wenige, veränderte bis heute erhalten geblieben sind.

Das Problem liegt nicht am Entstehen der Gruppen, denn Gruppierungen sind das Resultat des sozialen menschlichen Handelns, die eine Bereicherung sein können. Wenn unterschiedliche Gruppen in guten Werken miteinander wetteifern,  können diese Unterschiede zur Vielfalt werden. Jedoch weisen die Rechtsschulen, Sekten und Gemeinden ein unterschiedliches Verständnis vom Islam auf und lassen die Einigkeit der Muslime außer Betracht. Jeder Einzelne ist der Meinung, dass sein Weg, der Wahre ist. Jede Gruppe sieht sich als die  Ummah, die vom Höllenfeuer verschont wird und ins Paradies kommt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass jede Gruppierung ihre Ideologie dem Islam gleichsetzt. Folglich versuchen sich die Muslime gegenseitig zu überragen, statt sich auszutauschen und vornehm zu sein.Der Zustand, in dem wir uns befinden, liegt in erster Linie an der verzerrten Denkweise der Muslime, die zur Rückständigkeit in der Bildung führte.
Wir Muslime sind in die Religion reingeboren, daher hinterfragen wir nicht, was Tradition und  Religion ist , und was sie voneinander unterscheidet. Oft steht die Religion im Hintergrund. Wenn die Tradition der Religion vorgezogen wird, wird die Religion unwirksam. Die Rückständigkeit die daraus folgt, führt dazu, dass die Religion die Menschen voneinander trennt, statt sie zu vereinen. Dem Menschen wird seine freie Entscheidung entnommen und eine Attitüde aufgezwungen. Wenn die Religion das Menschenleben und die Einigkeit der Menschen nicht in Betracht ziehen würde, würden die Muslime zum Unglauben geführt werden.

Die Ursache dafür ist, dass sich die Muslime nicht den Kuran und den Propheten als Wegweiser und Quelle nehmen, sondern das Wissen ausschließlich von Rechtsschulen, Sekten und Gemeinden erlangen.

Folglich werden Traditionen der Religion vorgezogen, was dazu führt, dass weder das Gebet den Menschen schützt, noch das Fasten die Selbstbeherrschung lehrt und das Spenden an Arme nicht in Frage kommt.

Dadurch werden die Menschen nicht durch die Religion vereint, sondern voneinander getrennt. Die verzerrte Denkweise der Menschen führt dazu, dass sich die unterschiedlichen Gruppen als rechtmäßig anerkennen.
Zur Lebzeit des Propheten Mohammed gab es weder Rechtsschulen, noch Sekten oder Gemeinden. Diese Gruppierungen sind erst nach dem Tod des Propheten entstanden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass weder Rechtsschulen, noch Sekten oder Gemeinden dem Islam  gleichgestellt werden können.

Ein Muslim muss nicht einer Rechtsschule, einer Gemeinde oder einer Sekte angehören. Für ein besseres Verständnis ist ein bekanntes Beispiel  erwähnenswert : Ömer b. Hattab, der den Propheten umbringen möchte, wird von einer Person aufgehalten. Ihm wird erzählt, dass seine Schwester und sein Schwager zum Islam übertreten sind. Daraufhin geht Ömer b. Hattab wütend zum Haus seiner Schwester, und begegnet dort zum ersten Mal dem Kuran. Aus den Quellen wissen wir, dass Ömer die ersten Verse der Sure Ta-Ha las. Allah, der Schöpfer sagt in der Sure :

“ O Mensch! Wir haben dir den Koran nicht darum hinabgesandt, dass du leiden sollst, sondern als eine Ermahnung für den, der (Gott) fürchtet. Eine Offenbarung von Ihm, Der die Erde und die hohen Himmel erschuf.“ (20/1-4)

Ömer b. Hattab ist sehr gerührt von diesen Koranversen und sagt „Bringt mich zu Mohammed“. Ömer, der den Propheten umbringen wollte, wurde schließlich auf dem Weg zum Propheten Muslim. Was ist in dieser kurzen Zeit geschehen ? Was hat Ömer dazu geführt, zum Islam überzutreten ? Der Grund dafür ist nicht die Wandlung als Mensch sondern die Begegnung mit der Offenbarung und dem Vorbild des Propheten. Ömer bezeugte, dass es keinen Gott gibt außer Allah, dass Mohammed Sein Diener und Gesandter ist und dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Dies ist der gemeinsame Nenner aller Muslime, der den Glauben an die Einheit Gottes, an das Jenseits und an das Prophentum bilden. Diese Glaubensinhalte bilden den Rahmen des Lebens eines Muslims. Die Zugehörigkeit zu einer Rechtsschule, einer Sekte oder einer Gemeinde bleibt hierbei unbeachtet.
Jede Art von Gruppierung ist durch unterschiedliche Ansichten in der Religion entstanden. Keine Rechtsschule ist dem Islam gleichzusetzen. Um sich Muslim zu nennen, muss man nicht einer Rechtsschule, einer Sekte oder einer Gemeinde angehören.

Sekten sind in der 2. Hidschra entstanden. In dieser Zeit wurde das Gottbild durch mystische Glaubenspraxis verändert. Eine Sekte der Religion gleichzustellen, bedeutet, dass man nicht beachtet, dass sie im Verlaufe der Zeit entstanden sind. Die Unterwerfung unter Gruppen wird im Islam gebilligt.

Wenn sich die Muslime in den Rechtsschulen und den Sekten nach dem Islam richten, werden diese zur Vielfalt. Im Kuran heißt es, dass der Mensch auf das Wort hören und dem Besten von ihm folgen soll. (39/18)

Der Mensch soll nicht das verfolgen, wovon er keine Kenntnis hat (17/36), sondern soll wissentlich Glauben erlangen und danach leben. Im Islam ist der Glaube, das Verantwortungsbewusstsein und die Errettung individuell. Wenn diese Aspekte betrachtet werden, kann die Zugehörigkeit zu einer Gruppe und deren Nutzen ohne Beeinträchtigungen im Glauben erfolgen.

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