Die Rechtsschulen

Der Stellenwert der Rechtsschulen – Prof. Dr. Hasan Onat

Die Rechtsschulen besitzen nicht den gleichen Stellenwert wie die Religion

 

von Prof. Dr. Hasan Onat

Die Herausbildung der Rechtsschulen begann nach dem Tod des Propheten Muhammad.

Die Institutionalisierung von Meinungsverschiedenheiten bezüglich unterschiedlichster Themen war die Folge. Der Koran erwähnt keinerlei Rechtsschulen oder vergleichbare Gruppierungen, sondern legt den Gläubigen die Einheit und den Zusammenhalt nahe.

Folgender Vers untertreicht diese Forderung:

103. Und haltet euch allesamt fest am Seile Allahs; und seid nicht zwieträchtig; und gedenket der Huld Allahs gegen euch, als ihr Feinde waret. Alsdann fügte Er eure Herzen so in Liebe zusammen, daß ihr durch Seine Gnade Brüder wurdet; ihr waret am Rande einer Feuergrube, und Er bewahrte euch davor. Also macht Allah euch Seine Zeichen klar, auf daß ihr rechtgeleitet seiet. (Imran, 103)

Auch der Prophet Muhammad hat die Gläubigen sehr oft darauf hingewiesen, aufeinander Acht zu geben und füreinander zu sorgen. Die ersten Streitigkeiten nach dem Tod des Propheten waren von politischer Natur. So sollte bestimmt werden, wer die Führungsrolle übernehmen soll.

So waren Meinungsverschiedenheiten politischer Coleur stets dafür verantwortlich, dass immer mehr Rechtsschulen entstanden. Leider wurde dabei desöfteren auch die Religion für politische Zwecke instrumentalisiert.

Aus der Sicht der jeweiligen Anhänger legitimierten diverse Herrschaftsansprüche sogar das Blutvergießen unter den Muslimen.
Doch der Islam an sich verfolgt keinen Herrschaftsanspruch. Sie überlässt das politische Handeln der Verantwortung des Menschen.

Auch das religiöse Verständnis des Menschen unterlag einem steten Wandel. Gesellschaftliche Umbrüche, soziale Gegebenheiten sowie der immer regere Kontakt zu fremden Kulturen und Zivilisationen sorgten für Veränderungen.

Diese Faktoren begünstigten ebenfalls die Entstehung neuer Rechtsschulen. Wir sollten aber nicht vergessen, dass diese Rechtsschulen unter menschlichem Einfluss entstanden sind und somit über keinen göttlichen Ursprung verfügen. Sie stellen also keine Religionen dar, sondern die unterschiedlichen Auffassungen der selben Religion. Stellt man die Rechtsschulen und den Islam auf eine Stufe, so wird vergessen, dass die Religion göttlichen Ursprungs ist.

Mit dem Ableben des Propheten Muhammad wurden keine neuen Verse herabgesandt. So kann keine Rechtsschule von sich behaupten, dass ihre Ansichten den gleichen Stellenwert wie die göttlichen Verse mit ihrem universellen Charakter besitzen. So dürfen irdische Meinungen kritisch hinterfragt werden. Die Herausbildung von Rechtsschulen stellt ein normales und absehbares Phänomen dar. Denn die Menschen waren bezüglich ihres Religionsverständnisses und ihrer Religionsausübung fortan auf sich alleine gestellt.

Jede Rechtsschule hat bestimmte Aspekte der Religion in den Vordergrund gestellt und ihr Denken danach ausgerichtet. Leider gab es auch Stimmen, welche den alleinigen Wahrheitsanspruch für sich behauptet haben und andere Muslime ausgegrenzt haben. Doch der Islam sollte allen Menschen dieser Welt zugänglich sein. Denn das Wesen des Religion steht im vollkommenen Einklang zur Natur und Beschaffenheit des Menschen.

Der Koran warnt die Gläubigen vor Feindseligkeit und Zwiespalt:

Unter denen, die ihren Glauben spalten und in Parteien zerfallen, und jede Partei freut sich über das, was sie selbst besitzt.
(Rum, Die Römer, Vers 32)

Die verschiedenen Rechtsschulen stellen in Wirklichkeit Gewinn und Reichtum dar. Doch verfällt dieser poitive Effekt, wenn sie mit der Religion gleichgesetzt werden. Einhergehend mit der sozialen Dynamik der Gesellschaft wurden diverse Elemente der Rechtsschulen als Religion angesehen.

Unabhängig davon, welcher Rechtsschule ein Gläubiger entstammt, gilt er Muslim, wenn er an die Einheit Gottes, an das Prophetentum Muhammads und an die Wiederauferstehung nach dem Tod glaubt.

Auch heute werden Meinungsverschiedenheiten zwischen den jeweiligen Rechtsschulen blutig ausgetragen. Als aktuelles Beispiel kann der Irak fungieren. Von der unvergleichlichen und fortschrittlichen Zivilisation der Muslime ist heutzutage leider nicht mehr viel übrig.

Historische Wissensstädte wie Bagdad sind Schausplätze von Anschlägen und Bürgerkriegen. Wir sollten die Islamische Geschichte erforschen und die richtigen Lehren aus ihr ziehen. Nur so können sich die Muslime aus ihrer Not befreien.

Die Religion gilt vielen Akteuren als ideales Instrument, um sie für ihre politischen und weltlichen Zwecke zu missbrauchen. Die Muslime müssen den Wert des Verstandes neu erkennen und den Inhalt der Offenbarungen verinnerlichen. Die Pluralität sollte als Gewinn verstanden werden.

Nur so können wir den Hass zwischen den Anhängern verschiedener Rechtsschulen unterbinden und eine friedliche Basis für die Zukunft errichten.

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